Szene: Eine Terrasse vor dem Schlosse. Es ist Nacht. Gereon und Kyhellan treten auf. Eine Glocke schlägt die zwölfte Stunde.
GEREON
So ist’s die zwölfte Stunde; wollen sehen,
Ob heute wiederum die dunklen Mächte
Die Pforten öffnen und der Nacht Dämonen
Hier umhergehn lassen.
KYHELLAN Was sprichst du da?
GEREON
Hat Philar nichts gesagt?
KYHELLAN Ich weiß von nichts.
GEREON
Und spürst du nicht die Kälte dieser Nacht,
Die unheilvoll verkündet, daß wir heute
Hier nicht allein sein werden?
KYHELLAN Was hast du, Gereon?
Mein Freund, siehst du Gespenster?
GEREON Und siehst du nichts?
Die Nacht ist dunkler als die Schatten selbst,
Und doch, mich dünkt, ich sah dort – Halt! Wer da?
KYHELLAN
Was, meinst du mich? Sieh her, ich bin kein Geist.
Doch etwas hat dich sichtlich irr gemacht.
Siehst du auch Lichter dort? Hörst du Gesänge?
Vielleicht der Wein, dem du heut zugesprochen?
GEREON
Ich bitte dich, Kyhellan, spotte nicht;
Du wirst es sehn. – Sei still! – Ihr Götter, dort!
Ich hör es kommen! – Siehst du denn nichts?
KYHELLAN Nein, nichts.
Noch weiß ich, was du meinst. Sha’ján tritt auf, in einen dunklen Mantel gehüllt.
GEREON Kyhellan, dort,
Dort auf den Zinnen!
KYHELLAN Ihr Götter, ja, ich seh’s!
Was ist das, Gereon? Ein Geist? Ich denk’, ich kenn’ ihn –
Die düstere Gestalt, die katzengleich
Die Treppen dort bezwingt – wo ist es hin? Sha’ján geht ab.
GEREON
Es ist fort.
KYHELLAN Fort, sagst du?
GEREON Ja, fort.
Und, glaubst du nun an Geister? Oder willst du
Noch immer sagen, daß des Weines Schwere
Mir hier um Mitternacht Dämonen zeigt?
Was nun, Kyhellan?
KYHELLAN Ja, ich hab’s gesehen,
Und, bei den Göttern, sicher war’s ein Geist.
Wenn ich nur wüßt’, an wen er mich erinnert – Sha’ján tritt wieder auf.
GEREON
Kyhellan, halte ein, da ist er wieder!
Sein dunkler Mantel weht im kalten Wind,
Wie er er dort oben auf den Zinnen schreitet,
Und nun – Kyhellan, sieh, er schaut uns an!
KYHELLAN
Das tut er wohl; doch siehst du ihn?
GEREON Das nicht;
Die Schatten bergen sein Gesicht. Doch warte!
Ich will ihm folgen, sehen, hören, ob er spricht!
KYHELLAN
Bleib hier! Ihr Götter, Gereon, bleib hier!
Er wird dich sicher auf die Zinnen locken;
Du weißt, mit welch Gewalt der Sturm dort geht!
Nein, laßt uns warten; sicher geht er fort.
Ein Spuk der Nacht, und dann laßt uns vergessen.
GEREON
Kyhellan, laß mich los, ich muß ihm folgen;
Du sagst, du kennst ihn; also muß ich sehen
Wer hier mit uns so böse Spiele treibt.
KYHELLAN
Ich kenn’ ihn, Gereon, es ist der König!
GEREON
Du weißt nicht, was du sagst.
KYHELLAN Nicht Coromar;
Siehst du denn nicht, wie er dort oben steht,
Die Arme vor der Brust verschränkt, wie noch
Vor zwanzig Tagen. Weißt du denn nicht mehr,
Wie unser letzter König jede Nacht
In dunklen Stoff gehüllt, dort oben schritt?
Ein seltsamer Gebrauch: nun tut er’s wieder.
GEREON
Du meinst, Kyhellan, das dort ist der Geist
Unsres verstorb’nen Königs?
KYHELLAN Ja, so sagt’ ich.
GEREON
Warum kehrt er zurück?
KYHELLAN Ich weiß es nicht.
Man sagt doch, daß ein mancher, dessen Leben
Durch Gewalt beendet worden ist,
Des Nachts umhergeht, um die feigen Mörder
Zu finden und Vergeltung dann zu üben. Sha’ján geht ab.
GEREON
Du meinst, so ist’s?
KYHELLAN Vielleicht; zumindest weiß ich
Daß jene feigen Mörder, die den König
Vor beinah zwanzig Tagen dort erschlugen,
Dort oben auf den Zinnen, noch nicht gefunden.
GEREON
Dann müssen wir ihn fragen.
KYHELLAN Er ist fort!
GEREON
Fort.
KYHELLAN Was nun? Dies alles ist so fremd.
Doch können wir doch nicht einfach vergessen!
Wenn es so ist, wie ich soeben sagte,
Und er umhergeht, um gerächt zu werden,
So wird er sicher sprechen, wenn wir fragen.
Das sollten wir wohl tun.
GEREON Wo ist er hin?
Kyhellan – du bist doch nervös, nicht wahr?
Philar und ich, wir sahen gestern schon
Den dunklen Schatten auf den Zinnen wandern.
Nicht sicher waren wir, was es bedeutet,
Es schien uns ein Dämon der Nacht zu sein.
Doch jetzt, du sagst, es ähnelt uns’rem König –
KYHELLAN
Es gleicht ihm. Philar betritt hinter Kyhellan die Terrasse.
GEREON Dort, Kyhellan, hinter dir!
KYHELLAN
Was, ist er hier?
GEREON So halt ihn diesmal!
KYHELLAN Wie?
Soll ich ihn mit der Hellebarde schlagen?
GEREON
Wenn er doch sonst nicht bleibt?
PHILAR Halt ein, Kyhellan!
Ihr habt wohl wieder das Gespenst gesehen?
GEREON
Philar?
PHILAR Ja, ich bin’s.
KYHELLAN Was tust du hier?
Soweit ich weiß, hast du heut keine Wache.
GEREON
Philar! Wir hielten dich für einen Geist.
PHILAR
Ihr scheint mir beide nicht mehr ganz bei Sinnen.
Seht ihr dort Lichter? Hört ihr auch Gesang?
KYHELLAN
Wir haben nicht getrunken, wenn du das meinst.
Gereon sagte mir –
GEREON Wir sah’n es wieder.
Kyhellan meint, ‘s ist der verstorb’ne König,
Der nachts umhergeht und Vergeltung sucht.
KYHELLAN
So fremd es ist; es ist wohl so.
PHILAR Habt ihr
Mit ihm gesprochen?
GEREON Nein. Wir wollten ja,
Doch es war fort.
PHILAR Dann wißt ihr gar nicht sicher,
Ob’s bloß ein Trugbild war, des Mondlichts Täuschung.
Die Stille einer Nacht bringt manches Mal
Den müden Augen trügerische Bilder.
‘s ist wahr, ich selber sah es letzte Nacht,
Doch könnte es nicht sein, es ist ein Schatten,
Den Wolken auf die hohen Zinnen werfen,
Getrieben von dem Sturm? Und könnte nicht
Die Müdigkeit euch beide, und mich selbst,
Auch glauben machen, daß das leise Schlagen
Der Fahne dort im Wind das laute Flattern
Des Mantels ist, den ihr zu sehen glaubt?
Sind nicht vielleicht die Schritte, die ihr hörtet,
Nichts anderes als euer schneller Puls?
Ich seh’ euch an und sehe eure Furcht;
Und Furcht kann sicherlich die Sinne täuschen.
GEREON
Was sagst du, Philar? All das nur ein Traum?
Hast du nicht letzte Nacht noch selbst gesehen,
Wie das Gespenst sich uns dort oben zeigte,
So wirklich wie wir selbst?
PHILAR Das hab’ ich wohl;
Und hab’ seither darüber nachgedacht.
Nichts als ein Traum, so bin ich mir nun sicher,
Ein Traum, ein Spuk, ein trügerisches Bild. Sha’ján tritt wieder auf.
KYHELLAN
O Gereon, sieh dort, da ist er wieder!
GEREON
Nun, Philar? Ist das immer noch ein Traum?
Wie kommt es, daß wir alle Gleiches träumen?
KYHELLAN
Sprich es doch an!
GEREON Was, ich?
PHILAR Nun sprich doch schon!
GEREON
Bist du gekommen, um uns die zu nennen,
Die feige deines Lebens dich beraubten,
So sprich! Komm, sprich! Sha’ján wendet sich ab.
PHILAR Es geht.
GEREON Nein, bleib!
KYHELLAN
Gewiß hast du’s gekränkt. Du hast mit ihm
Gesprochen, als wär es dir gleichgestellt,
Doch ist es, wie wir denken, unser König,
So mußt du anders sprechen.
GEREON So, das weißt du;
Und warum wußtest du dann nichts zu sagen?
– Bleibt, armer Geist, was immer ich gesagt,
War eine Bitte, keine Forderung. Sha’ján hebt in einer drohenden Geste die Arme.
KYHELLAN (beiseite)
Ihr Götter, laßt mich diesem Traum entkommen,
Das ist so fremd, daß es nicht wahr sein kann.
Des Königs Tod hat furchtbar uns getroffen,
warum straft Ihr uns noch mit diesem Spuk?
Ist das ein Spiel, dann bitte, laßt es enden.
Ist uns’re Angst Euch denn noch nicht genug?
PHILAR
Beruhige dich. Es wird uns nichts geschehen.
Doch muß ich sagen, vielleicht habt ihr recht –
Es ähnelt wirklich uns’rem letzten König.
GEREON
Doch spricht es nicht mit uns.
PHILAR Laßt es allein.
Wir sollten mit Sha’ján darüber sprechen,
Er muß erfahren, daß er uns erschien.
Denn schließlich ist’s sein Vater.
GEREON Du hast recht.
Es will nicht sprechen, also laßt uns gehen.
PHILAR
Kyhellan? Hörst du nicht? Wir wollen gehen.
GEREON
Laß ihn, er kommt schon.
PHILAR Wenn du meinst.
GEREON Jetzt komm.
Philar und Gereon gehen ab.
KYHELLAN
So sind wir nun allein. Ihr Götter, helft mir!
Ist dies nun wirklich oder nur ein Traum?
Ich sprech es an. – Mein edler König!
Was ist es, das Euch nächtlich, ohne Ruhe,
Über die Zinnen scheucht? Kann ich Euch helfen?
Nennt mir den Mörder, und ich finde ihn;
Ihr wißt, ich bin ein Diener Eurer Hoheit,
Ich war Euch treu und bin es immer noch.
Ich würd’ gewiß mit Stolz mein Leben geben,
Um Euren Tod zu rächen. Sha’ján lacht leise.
Was, Ihr lacht?
Mein König, warum wollt Ihr mich verspotten?
Ich schwör’s bei meinem Schwert, ich will Euch rächen,
Nennt mir den Namen, und ich will es tun.
Sha’ján geht ab.
Nein, bleibt! Oh bitte, bleibt! Mein König!
Was kann ich tun? Er geht, läßt mich allein.
Was soll ich glauben? Lügen meine Sinne?
Bin ich denn irr? Nein: Philar sah ihn auch,
Und Gereon. Dreimal ist er erschienen,
Und will nicht sprechen, das heißt, nicht zu uns.
Ich muß dem Prinzen gleich davon berichten,
Sha’ján muß wissen, was hier vor sich geht.
Und sicher wird der König mit ihm sprechen.
Er ist sein Sohn; gewiß soll er ihn rächen.