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Sha'jáns Rache

ERSTER AUFZUG, SZENE 1

         Szene: Eine Terrasse vor dem Schlosse. Es ist Nacht.
         Gereon und Kyhellan treten auf.
         Eine Glocke schlägt die zwölfte Stunde.

GEREON
    So ist’s die zwölfte Stunde; wollen sehen,
    Ob heute wiederum die dunklen Mächte
    Die Pforten öffnen und der Nacht Dämonen
    Hier umhergehn lassen.
KYHELLAN        Was sprichst du da?
GEREON
    Hat Philar nichts gesagt?
KYHELLAN        Ich weiß von nichts.
GEREON
    Und spürst du nicht die Kälte dieser Nacht,
    Die unheilvoll verkündet, daß wir heute
    Hier nicht allein sein werden?
KYHELLAN        Was hast du, Gereon?
    Mein Freund, siehst du Gespenster?
GEREON        Und siehst du nichts?
    Die Nacht ist dunkler als die Schatten selbst,
    Und doch, mich dünkt, ich sah dort – Halt! Wer da?
KYHELLAN
    Was, meinst du mich? Sieh her, ich bin kein Geist.
    Doch etwas hat dich sichtlich irr gemacht.
    Siehst du auch Lichter dort? Hörst du Gesänge?
    Vielleicht der Wein, dem du heut zugesprochen?
GEREON
    Ich bitte dich, Kyhellan, spotte nicht;
    Du wirst es sehn. – Sei still! – Ihr Götter, dort!
    Ich hör es kommen! – Siehst du denn nichts?
KYHELLAN        Nein, nichts.
    Noch weiß ich, was du meinst.
         Sha’ján tritt auf, in einen dunklen Mantel gehüllt.
GEREON        Kyhellan, dort,
    Dort auf den Zinnen!
KYHELLAN        Ihr Götter, ja, ich seh’s!
    Was ist das, Gereon? Ein Geist? Ich denk’, ich kenn’ ihn –
    Die düstere Gestalt, die katzengleich
    Die Treppen dort bezwingt – wo ist es hin?
         Sha’ján geht ab.
GEREON
    Es ist fort.
KYHELLAN        Fort, sagst du?
GEREON            Ja, fort.
    Und, glaubst du nun an Geister? Oder willst du
    Noch immer sagen, daß des Weines Schwere
    Mir hier um Mitternacht Dämonen zeigt?
    Was nun, Kyhellan?
KYHELLAN        Ja, ich hab’s gesehen,
    Und, bei den Göttern, sicher war’s ein Geist.
    Wenn ich nur wüßt’, an wen er mich erinnert –
         Sha’ján tritt wieder auf.
GEREON
    Kyhellan, halte ein, da ist er wieder!
    Sein dunkler Mantel weht im kalten Wind,
    Wie er er dort oben auf den Zinnen schreitet,
    Und nun – Kyhellan, sieh, er schaut uns an!
KYHELLAN
    Das tut er wohl; doch siehst du ihn?
GEREON        Das nicht;
    Die Schatten bergen sein Gesicht. Doch warte!
    Ich will ihm folgen, sehen, hören, ob er spricht!
KYHELLAN
    Bleib hier! Ihr Götter, Gereon, bleib hier!
    Er wird dich sicher auf die Zinnen locken;
    Du weißt, mit welch Gewalt der Sturm dort geht!
    Nein, laßt uns warten; sicher geht er fort.
    Ein Spuk der Nacht, und dann laßt uns vergessen.
GEREON
    Kyhellan, laß mich los, ich muß ihm folgen;
    Du sagst, du kennst ihn; also muß ich sehen
    Wer hier mit uns so böse Spiele treibt.
KYHELLAN
    Ich kenn’ ihn, Gereon, es ist der König!
GEREON
    Du weißt nicht, was du sagst.
KYHELLAN        Nicht Coromar;
    Siehst du denn nicht, wie er dort oben steht,
    Die Arme vor der Brust verschränkt, wie noch
    Vor zwanzig Tagen. Weißt du denn nicht mehr,
    Wie unser letzter König jede Nacht
    In dunklen Stoff gehüllt, dort oben schritt?
    Ein seltsamer Gebrauch: nun tut er’s wieder.
GEREON
    Du meinst, Kyhellan, das dort ist der Geist
    Unsres verstorb’nen Königs?
KYHELLAN        Ja, so sagt’ ich.
GEREON
    Warum kehrt er zurück?
KYHELLAN        Ich weiß es nicht.
    Man sagt doch, daß ein mancher, dessen Leben
    Durch Gewalt beendet worden ist,
    Des Nachts umhergeht, um die feigen Mörder
    Zu finden und Vergeltung dann zu üben.
         Sha’ján geht ab.
GEREON
    Du meinst, so ist’s?
KYHELLAN        Vielleicht; zumindest weiß ich
    Daß jene feigen Mörder, die den König
    Vor beinah zwanzig Tagen dort erschlugen,
    Dort oben auf den Zinnen, noch nicht gefunden.
GEREON
    Dann müssen wir ihn fragen.
KYHELLAN        Er ist fort!
GEREON
    Fort.
KYHELLAN        Was nun? Dies alles ist so fremd.
    Doch können wir doch nicht einfach vergessen!
    Wenn es so ist, wie ich soeben sagte,
    Und er umhergeht, um gerächt zu werden,
    So wird er sicher sprechen, wenn wir fragen.
    Das sollten wir wohl tun.
GEREON        Wo ist er hin?
    Kyhellan – du bist doch nervös, nicht wahr?
    Philar und ich, wir sahen gestern schon
    Den dunklen Schatten auf den Zinnen wandern.
    Nicht sicher waren wir, was es bedeutet,
    Es schien uns ein Dämon der Nacht zu sein.
    Doch jetzt, du sagst, es ähnelt uns’rem König –
KYHELLAN
    Es gleicht ihm.
         Philar betritt hinter Kyhellan die Terrasse.
GEREON        Dort, Kyhellan, hinter dir!
KYHELLAN
    Was, ist er hier?
GEREON        So halt ihn diesmal!
KYHELLAN            Wie?
    Soll ich ihn mit der Hellebarde schlagen?
GEREON
    Wenn er doch sonst nicht bleibt?
PHILAR        Halt ein, Kyhellan!
    Ihr habt wohl wieder das Gespenst gesehen?
GEREON
    Philar?
PHILAR        Ja, ich bin’s.
KYHELLAN            Was tust du hier?
    Soweit ich weiß, hast du heut keine Wache.
GEREON
    Philar! Wir hielten dich für einen Geist.
PHILAR
    Ihr scheint mir beide nicht mehr ganz bei Sinnen.
    Seht ihr dort Lichter? Hört ihr auch Gesang?
KYHELLAN
    Wir haben nicht getrunken, wenn du das meinst.
    Gereon sagte mir –
GEREON        Wir sah’n es wieder.
    Kyhellan meint, ‘s ist der verstorb’ne König,
    Der nachts umhergeht und Vergeltung sucht.
KYHELLAN
    So fremd es ist; es ist wohl so.
PHILAR        Habt ihr
    Mit ihm gesprochen?
GEREON        Nein. Wir wollten ja,
    Doch es war fort.
PHILAR        Dann wißt ihr gar nicht sicher,
    Ob’s bloß ein Trugbild war, des Mondlichts Täuschung.
    Die Stille einer Nacht bringt manches Mal
    Den müden Augen trügerische Bilder.
    ‘s ist wahr, ich selber sah es letzte Nacht,
    Doch könnte es nicht sein, es ist ein Schatten,
    Den Wolken auf die hohen Zinnen werfen,
    Getrieben von dem Sturm? Und könnte nicht
    Die Müdigkeit euch beide, und mich selbst,
    Auch glauben machen, daß das leise Schlagen
    Der Fahne dort im Wind das laute Flattern
    Des Mantels ist, den ihr zu sehen glaubt?
    Sind nicht vielleicht die Schritte, die ihr hörtet,
    Nichts anderes als euer schneller Puls?
    Ich seh’ euch an und sehe eure Furcht;
    Und Furcht kann sicherlich die Sinne täuschen.
GEREON
    Was sagst du, Philar? All das nur ein Traum?
    Hast du nicht letzte Nacht noch selbst gesehen,
    Wie das Gespenst sich uns dort oben zeigte,
    So wirklich wie wir selbst?
PHILAR        Das hab’ ich wohl;
    Und hab’ seither darüber nachgedacht.
    Nichts als ein Traum, so bin ich mir nun sicher,
    Ein Traum, ein Spuk, ein trügerisches Bild.
         Sha’ján tritt wieder auf.
KYHELLAN
    O Gereon, sieh dort, da ist er wieder!
GEREON
    Nun, Philar? Ist das immer noch ein Traum?
    Wie kommt es, daß wir alle Gleiches träumen?
KYHELLAN
    Sprich es doch an!
GEREON        Was, ich?
PHILAR            Nun sprich doch schon!
GEREON
    Bist du gekommen, um uns die zu nennen,
    Die feige deines Lebens dich beraubten,
    So sprich! Komm, sprich!
         Sha’ján wendet sich ab.
PHILAR        Es geht.
GEREON            Nein, bleib!
KYHELLAN
    Gewiß hast du’s gekränkt. Du hast mit ihm
    Gesprochen, als wär es dir gleichgestellt,
    Doch ist es, wie wir denken, unser König,
    So mußt du anders sprechen.
GEREON        So, das weißt du;
    Und warum wußtest du dann nichts zu sagen?
    – Bleibt, armer Geist, was immer ich gesagt,
    War eine Bitte, keine Forderung.
         Sha’ján hebt in einer drohenden Geste die Arme.
KYHELLAN    (beiseite)
    Ihr Götter, laßt mich diesem Traum entkommen,
    Das ist so fremd, daß es nicht wahr sein kann.
    Des Königs Tod hat furchtbar uns getroffen,
    warum straft Ihr uns noch mit diesem Spuk?
    Ist das ein Spiel, dann bitte, laßt es enden.
    Ist uns’re Angst Euch denn noch nicht genug?
PHILAR
    Beruhige dich. Es wird uns nichts geschehen.
    Doch muß ich sagen, vielleicht habt ihr recht –
    Es ähnelt wirklich uns’rem letzten König.
GEREON
    Doch spricht es nicht mit uns.
PHILAR        Laßt es allein.
    Wir sollten mit Sha’ján darüber sprechen,
    Er muß erfahren, daß er uns erschien.
    Denn schließlich ist’s sein Vater.
GEREON        Du hast recht.
    Es will nicht sprechen, also laßt uns gehen.
PHILAR
    Kyhellan? Hörst du nicht? Wir wollen gehen.
GEREON
    Laß ihn, er kommt schon.
PHILAR        Wenn du meinst.
GEREON            Jetzt komm.
Philar und Gereon gehen ab.
KYHELLAN
    So sind wir nun allein. Ihr Götter, helft mir!
    Ist dies nun wirklich oder nur ein Traum?
    Ich sprech es an. – Mein edler König!
    Was ist es, das Euch nächtlich, ohne Ruhe,
    Über die Zinnen scheucht? Kann ich Euch helfen?
    Nennt mir den Mörder, und ich finde ihn;
    Ihr wißt, ich bin ein Diener Eurer Hoheit,
    Ich war Euch treu und bin es immer noch.
    Ich würd’ gewiß mit Stolz mein Leben geben,
    Um Euren Tod zu rächen.
         Sha’ján lacht leise.
        Was, Ihr lacht?
    Mein König, warum wollt Ihr mich verspotten?
    Ich schwör’s bei meinem Schwert, ich will Euch rächen,
    Nennt mir den Namen, und ich will es tun.
Sha’ján geht ab.
    Nein, bleibt! Oh bitte, bleibt! Mein König!
    Was kann ich tun? Er geht, läßt mich allein.
    Was soll ich glauben? Lügen meine Sinne?
    Bin ich denn irr? Nein: Philar sah ihn auch,
    Und Gereon. Dreimal ist er erschienen,
    Und will nicht sprechen, das heißt, nicht zu uns.
    Ich muß dem Prinzen gleich davon berichten,
    Sha’ján muß wissen, was hier vor sich geht.
    Und sicher wird der König mit ihm sprechen.
    Er ist sein Sohn; gewiß soll er ihn rächen.
Kyhellan geht ab.



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