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Luitwin Rémý

Die Ballade von Dáilceann und Tiarnach

Unten am Fluß, wo der Hahnenfuß blüht,
Wo stets leichter Nebel den Tag überzieht,
Steht Dáilceann in düsteren Träumen.

Leicht fällt der Regen auf ihr Gesicht.
Es ist Sommer, so warm, sie beachtet es nicht.
Ihr Blick geht leer zu den Bäumen.

Lang waren Nächte, in denen sie weinte,
Länger die Tage, in denen sie meinte,
Daß niemals der Schmerz ein Ende fand.

Sie sieht zu den Bäumen, den mächtigen Linden.
Der Schmerz, er muß bald ein Ende finden.
Das hat sie, bevor sie hierher kam, erkannt.

Sie denkt an den Tag, ein Jahr ist es her,
Da sie Tiarnach traf. Das Herz wird ihr schwer,
Und schwerer mit all der Erinnerung.

Es war Sommer. Und Nacht. Und es war kalt.
Es war unten am Fluß, sie schaute zum Wald,
Dort stand er in einsamen Träumen.

Sie war dort des Nachts, um die Nacht zu verstehen.
Am Morgen, ganz früh, die Sonne zu sehen.
Allein zu sein am Fluß bei den Bäumen.

Sie fragte sich, was dieser Junge wohl dachte,
Der nun zu ihr aufsah und schaute und lachte,
Ob er wohl, wie sie, die Stille suchte?

Er stand dort und lachte, und kam nicht heran.
Sie wollte nicht gehen, so standen sie dann,
So fern voneinander, und doch so nah.

Sie wollte nicht rufen, er mochte sie hören,
Doch wollte sie nicht die Stille zerstören,
Sie mochte nicht wissen, was dann geschah.

Sie glaubte beinahe, er würde verschwinden,
Als würde nur Stille ihn an sie binden,
So sehr, daß sie den leisen Wind selbst verfluchte.

Tiarnach, oh Tiarnach, du darfst nicht gehen,
Wie soll ich sonst die Stille verstehen,
Wie in der Nacht die Lichter sehen?

Er ging nicht, er kam. Sie sah ihn und wußte,
Daß sie bei ihm, er bei ihr bleiben mußte,
Daß er für sie, sie für ihn bestimmt war.

Sie suchten die Stille. Sie liebten die Nacht.
Kein Zweifel, daß sie füreinander gedacht.
Sie wußte, daß er es genauso sah.

Sie saßen beim Wasser. Sie sprachen kein Wort.
Sie kamen sich näher, sie liebten sich dort.
Das Gras wurde feucht, als der Morgen kam.

Der Tag erwachte, der Mond ging nieder.
Die Sonne stieg höher, die Nacht war vorüber.
Es war kalt gewesen, es wurde nun warm.

"Mein Name ist Tiarnach", sagte er dann.
Sie lächelte, sagte, "ich bin Dáilceann",
Sie blieben zusammen fortan.

Er war nur ein Bauernsohn. Es störte sie nicht,
Sie blickte ihn an, sah sein junges Gesicht,
Und sah einen Prinzen darin.

Ihr Vater war Kaufmann in Calibur.
Tiarnach lächelte nicht, als er davon erfuhr.
Sie schwieg und sprach davon nicht mehr.

Der Tag schritt fort, und sie blieben beisammen.
Wußten nichts voneinander, als ihre Namen,
Und was ihre Väter waren.

Und als der Abend kam, saßen sie schweigend,
Noch immer; stille Gefühle zeigend,
Als kennten sie sich schon seit Jahren.

Und Nacht kam, und Dunkelheit; er mußte fort.
Sie sahen sich an und sie sprachen kein Wort.
Sein Blick schien ihr fern, seltsam leer.

Er stand noch und zögerte, unsicher nun.
Er mußte ja fort, was nur sollte er tun?
Er wollte ja bleiben, er wollte so sehr.

Sie spürte sein Zagen, verstand es doch nicht.
Sie wollte Erklärung, doch fragte ihn nicht.
Es hatte gewiß keinen Sinn.

Tiarnach, oh Tiarnach, du darfst nicht gehen,
Wie soll ich sonst die Stille verstehen,
Wie in der Nacht die Lichter sehen?

Alleine blieb Dáilceann in jener Nacht,
Saß sinnend am Flusse in stiller Wacht,
Schon fürchtend, er käme nie wieder.

Und Tiarnach, er kehrte zum Hofe zurück,
In Gedanken bei ihr. Jeder Augenblick,
der Nacht, des Tages, war seltsam lang.

Sie verschlief den Tag. Sie erwachte mit Sorgen,
Ob Tiarnach zurückkehrte, heute noch, morgen?
Sie mußte am Fluß auf ihn warten.

Und wartend, und wissend, sie konnt’ ihn nicht zwingen,
Begann sie, voll Hoffnung und Zweifel zu singen,
Voll Sehnsucht war’n ihre Lieder.

Tiarnach, er kam; wie die Nacht zuvor,
Trat er aus dem Wald, stumm, sprach kein Wort,
Lauschte nur ihrer Stimme Klang.

Und er ließ sich alsbald schweigend neben ihr nieder,
Und sie sah nicht auf und sang weitere Lieder,
Während er in das Wasser starrte.

"Dáilceann", begann er. Er wollte nicht sprechen,
Er ahnte, es würde das Herz ihr brechen.
Er sprach nicht, stand auf und ging fort.

Sie weinte. Sie hatte geahnt, was er dachte.
Sie erinnerte sich, wie er schaute und lachte,
Und mochte es nicht verstehen.

Ein Jahr ist es her. Sie fand ihn am Morgen.
Am Wasser, tot, im Schilf halb verborgen.
Ein Jahr nun. Ihr Blick streift die Bäume.

Sie schließt die Augen und zögert noch,
Und lauscht in die Stille. Es scheint ihr doch,
Als höre sie noch seine Stimme.

Dáilceann, oh Dáilceann, du darfst nicht gehen,
Wie soll ich sonst die Stille verstehen,
Wie in der Nacht die Lichter sehen?

----- Übersetzung: E. Paiste


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