Länder
Bündnisse
Kontinente
Sprachen
Kultur
     Literatur
Brauchtum

Wissenschaft
Enzyklopädie


mail


Literatur



Der kleine König sucht eine Königin

Vor langer, langer Zeit, als es noch Trolle und Kobolde gab und kleine Prinzessinnen, die in Türmchen aus Gold und Silber wohnten, welche auf hohen Bergen standen und am frühen Morgen die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne fingen, da gab es mitten auf dieser Welt ein winzig kleines Königreich.
   Dieses Königreich hatte den Namen Lunderandar, und es war so klein, daß ein Mann zu Pferd nicht einmal einen halben Tag brauchte, um von Norden nach Süden zu kommen, und den Weg von Osten nach Westen schaffte er sogar in zwei Stunden. Das heißt, wenn er sein Pferd zum Galopp antrieb. Wofür das Königreich Lunderandar in besonderem Maße geeignet war, da es in der Hauptsache aus grasbewachsenen Ebenen und lichten Wäldern bestand.
   In der Mitte von Lunderandar war ein kleiner Hügel, und darauf stand ein kleines Schloß, darin wohnte der König von Lunderandar. Er war ein sehr kleiner König, nur etwa fünf Fuß hoch, und darum brauchte er kein großes Schloß, und er fand es unsinnig, für einen riesigen Prachtbau seine Reichtümer zu verschwenden, wenn doch ein kleiner genügte. Dieser König war Seine Majestät König Binglong der Erste. Eigentlich hieß er ja George, aber er fand, Binglong sei ein passenderer Name für einen König.
   König Binglong der Erste wohnte ganz allein in dem kleinen Schloß. Das heißt, wie jeder richtige König hatte er natürlich ein paar Diener, aber sonst war er allein. Es gab keinen Prinzen, keine Prinzessin, ja nicht einmal eine Königin. Außerdem kamen die Diener niemals in die obere Etage, wo der König seine Privatgemächer hatte, denn dort waren die Zimmerdecken so niedrig, daß sie sich nur den Kopf anstoßen würden.
   So geschah es, daß der kleine König Binglong eines Abends mit dem Grübeln begann. Er saß auf seinem Denkzimmer, wo er über viele Dinge dieser Welt nachzudenken pflegte, und da kam ihm in den Sinn, daß ein König ohne Königin doch gar kein richtiger König sei. Er überlegte hin und her, wie er daran wohl etwas ändern könnte, aber da ihm nicht sofort etwas einfiel, ging er erstmal nach unten und holte sich eine Tasse Nerendas-Tee. Und als er dann noch ein wenig gegrübelt und dabei seinen Tee getrunken hatte, da wußte er plötzlich die Lösung: Er mußte sich eine Königin suchen.
   Doch das war gar nicht so einfach, denn erstens verließ König Binglong der Erste niemals sein Schloß, da er sich nämlich schrecklich schämte, weil er so klein war. Und zweitens, wie sähe es denn aus, wenn die Königin zwei Köpfe größer wäre als der König?
   Aber andererseits wurde es Zeit, eine Königin zu finden, die ihm einen Prinzen schenken konnte. Der würde dann Binglong der Zweite heißen oder auch anders, und er könnte das Königreich Lunderandar eines Tages weiterregieren. Also rief König Binglong seine Diener zu sich, wozu er erst nach unten in die große Halle gehen mußte, da die Diener das obere Stockwerk ja nie betraten, und erklärte ihnen sein Problem.
   "Das ist in der Tat sehr schwierig", sagte der Schatzmeister, und der Koch pflichtete ihm bei: "Ja, ja, gewiß, sehr schwierig."
   "Oh je, was machen wir denn da?" sagten die Kammerdiener, und die Reinemachfrau, die immer den Parkettboden im Speisesaal bohnern mußte, meinte: "Oh je, oh je, unser armer kleiner König, da muß er wohl alleine bleiben."
   Aber der Stalljunge, ein drahtiger Bursche mit Namen Vitin, hatte eine Idee. "Hör nicht auf den alten Putzdrachen", sagte er zum König. "Ich weiß etwas. Ich werde nach Korrestwine gehen und eine Königin suchen. Die bringe ich dann hierher, und dann kannst du sie heiraten. Und in einigen Jahren wird es hier so viele Prinzchen und Prinzeßchen geben, daß das Schloß zu klein ist."
   Da mußte der kleine König Binglong lachen, weil es eine so gute Idee war, und gleich erlaubte er Vitin, sich das schnellste Pferd auszusuchen und nach Korrestwine zu reiten. Eigentlich befahl er es ihm sogar, denn er konnte es gar nicht erwarten, endlich eine Königin zu sehen. Also eilte Vitin in den Stall und suchte sich das schnellste Pferd aus, das war ein prächtiger Schimmel, den der König niemals ritt, denn er war ihm zu groß. Selbst um das kleinste seiner Pferde zu besteigen, brauchte König Binglong eine Leiter, aber für den Schimmel hätte er bestimmt zwei gebraucht.
   Da das Königreich Lunderandar nur ein ganz winzig kleines Königreich war, brauchte Vitin nur eine halbe Stunde, um nach Korrestwine zu reiten. Korrestwine war eine ganz besondere Stadt. Sie hatte zwei Kirchen und einen Marktplatz und sogar einen Gasthof, und das war in dem kleinen Königreich Lunderandar wirklich etwas ganz Besonderes. So machte sich Vitin erstmal zum Gasthof auf, denn es war gerade Mittagszeit.
   Er band das Pferd an einem Pfosten vor dem Gasthaus fest, damit es nicht weglaufen konnte. Dann ging er hinein und bestellte sich einen Teller Kartoffelsuppe. Es gab immer Kartoffelsuppe in Lunderandar, denn Kartoffeln wuchsen auf den Ebenen überall, und Kartoffelsuppe war sogar das Nationalgericht.
   Es waren eine Menge Leute in dem Gasthaus, und während Vitin seine Kartoffelsuppe aß, ließ er seinen Blick wandern und sah sie alle ganz genau an, einen nach dem anderen. Aber eine kleine Königin war nicht dabei. Und als er aufgegessen hatte, ging er nach draußen auf den Marktplatz, um dort zu suchen.
   Der Marktplatz von Korrestwine war groß, sofern ein Platz in einer kleinen Stadt in einem winzigen Königreich überhaupt groß sein konnte. Und auf diesem Marktplatz konnte man alle Dinge kaufen, die es in Lunderandar überhaupt nur gab. Aber eine kleine Königin, die konnte man da leider nicht kaufen. Die konnte man überhaupt nirgends kaufen. Vitin fragte natürlich trotzdem an jedem Stand, aber die Händler sagten jedesmal das gleiche.
   "Eine kleine Königin suchst du?" fragten sie, und: "Für wen soll sie denn sein, die kleine Königin?"
   Und wenn Vitin es ihnen dann zu erklären versuchte, lachten sie und sagten: "Warum kommt er denn nicht selber, unser kleiner König? Wir kennen keine kleine Königin, die muß er sich schon selber suchen."
   Da ging Vitin dann zum nächsten Stand, doch nur, um die gleichen dummen Fragen zu hören. Und als es schließlich dunkel wurde, waren da keine Stände mehr, an denen er noch nicht gefragt hatte, und auch unter all den Leuten, die er gesehen hatte, war keine kleine Königin gewesen.
   Und weil er dem König noch ganz kurz vor seiner Abreise versprochen hatte, bis zum Abend zurück zu sein, mußte er sich jetzt sehr beeilen, denn der König wartete bestimmt schon sehnsüchtig.
   Also holte Vitin das Pferd und trieb es tüchtig an. "Wiohee!" wieherte der Schimmel, "wiohee!" Und los ging es über die grasbewachsenen Ebenen und den kleinen Hügel hinauf, bis zu dem kleinen Schloß.
   Der kleine König Binglong hatte tatsächlich den ganzen Nachmittag lang in seinem Denkzimmer aus dem Fenster gesehen und sehnsüchtig gewartet, doch als er jetzt Vitin auf dem Schimmel zurückkehren sah, wurde er ganz furchtbar traurig. Denn Vitin kehrte allein zurück, also hatte er keine kleine Königin gefunden.
   Erst wollte der König gar nicht nach unten gehen, denn er war so traurig, daß er sich deswegen schämte, und er wollte sich schon in seinem Bett verkriechen und sich die Decke über den Kopf ziehen, aber dann überlegte er es sich doch anders. "Vielleicht hat Vitin gar nicht richtig gesucht", dachte er, "aber das kann ich nur herausfinden, wenn ich hinuntergehe und ihn frage."
   Also verkroch der kleine König sich nicht in seinem Bett und zog sich auch nicht die Decke über den Kopf, sondern ging nach unten in die große Halle, wo Vitin schon auf ihn wartete.
   "Es tut mir sehr leid, König Binglong", sagte Vitin, "aber ich habe keine kleine Königin für dich finden können." Es klang ganz niedergeschlagen, und das machte den König wieder so traurig, daß er am liebsten doch noch in sein Bett gekrochen wäre.
   "Hast du denn auch wirklich überall gesucht?" fragte König Binglong. "Vielleicht hast du sie ja ganz einfach übersehen. Ich meine, so eine kleine Königin ist bestimmt ganz leicht zu übersehen!"
   "Aber ich habe jeden Händler auf dem Markt gefragt, und keiner wußte, wo ich eine kleine Königin finden könnte", erwiderte Vitin. "Es tut mir leid."
   "Und mir tut es auch ganz besonders leid", sagte der Schatzmeister, denn er hätte so gerne einmal eine Hochzeit auf dem kleinen Schloß erlebt. Nur die Reinemachfrau grinste ein bißchen und sagte: "Das hab' ich euch ja gleich gesagt, unser kleiner König muß doch alleine bleiben."
   Aber das wollte der kleine König ganz bestimmt nicht, doch weil er an diesem Tag ganz bestimmt nichts mehr daran ändern konnte, ging er nach oben in sein Bett, denn es war schon spät genug, um schlafen zu gehen.
   Doch dann konnte der kleine König gar nicht schlafen, weil er nämlich immer daran dachte, ob es nicht doch irgendwo in Lunderandar eine kleine Königin für ihn gab. So klein war Lunderandar doch nun auch wieder nicht! Und weil Korrestwine die einzige richtige Stadt in ganz Lunderandar war, mußte man sie bestimmt dort suchen. Und wenn sie dort nicht war, so würde es dort jemanden geben, der einem sagen konnte, wo man sie finden konnte.
   "Also, George", sagte der kleine König zu sich selbst, denn er nannte sich immer George, wenn er mit sich allein war, "ich finde, du solltest morgen früh das kleinste Pferd nehmen und selbst nach Korrestwine reiten. Da ist doch nichts, wofür du dich schämen müßtest. Die Leute werden schon nicht lachen, weil du so klein bist, du bist ja schließlich ein König!"
   Und dann drehte er sich im Bett herum, weil er ja doch noch immer nicht schlafen konnte, und mit einem Mal fiel ihm noch etwas ein. "Aber nein, Eure Majestät König Binglong der Erste", sagte er zu sich selbst, denn wenn er sich etwas Unangenehmes mitteilen mußte, nannte er sich immer so, "das ist doch alles nur ein dummer Traum. Es gibt gar keine kleine Königin, sonst hätte Vitin sie doch ganz bestimmt gefunden."
   Aber dann dachte er wieder, daß es für ihn ganz sicher irgendwo eine Königin gab, und so ging es die ganze Nacht hin und her, "mein lieber George" und "Seine Majestät", "ich suche sie selber" und "ich finde sie ja doch nicht". Und als der Morgen schließlich graute, hatte König Binglong noch immer nicht geschlafen, und das, wo er sich doch gerade dazu entschieden hatte, sich beim ersten Sonnenstrahl tatsächlich auf den Weg nach Korrestwine zu machen!
   Er zog sich seine besten Kleider an, denn für den Fall, daß er seine Königin traf, wollte er möglichst schick aussehen. Dann ging er nach unten, um zu frühstücken, denn mit knurrendem Magen konnte man sicher nicht gut nach einer Königin suchen.
   Während er seinen morgendlichen Nerendas-Tee schlürfte, teilte er den Dienern mit, was er vorhatte. "Ich werde heute das kleinste Pferd nehmen und selbst nach Korrestwine reiten", sagte er, "und dann werden wir ja sehen, ob ich allein bleiben muß oder nicht!"
   Da war die Reinemachfrau so erstaunt, daß sie nichts zu erwidern wußte, und auch die sonst so schlauen Kammerdiener standen mit offenen Mündern da und starrten den kleinen König an, als seien sie sicher, daß sie sich verhört hatten.
   "Nein, im Ernst", wiederholte der König, "ich werde heute selbst nach Korrestwine reiten. Wo ist Vitin? Er soll mir den kleinen Braunen satteln."
   "Das ist eine ausgezeichnete Idee, mein König", lobte der Schatzmeister, "denn wenn du selber auf die Suche gehst, dann weißt du wenigstens, ob sie dir gefällt. Stell dir nur vor, Vitin hätte dir eine Königin mitgebracht, die überhaupt nicht nach deinem Geschmack gewesen wäre!"
   Da lachte König Binglong, obwohl er ganz sicher war, daß ihm jede gefallen würde, Hauptsache, er fand endlich eine kleine Königin.
   Und dann kam Vitin herein und teilte mit, daß das kleine braune Pferd bereit sei, und der König folgte ihm nach draußen und ließ sich von ihm in den Sattel helfen. Der Schatzmeister kam hinterher und wünschte ihm viel Glück, und während der König langsam den Hügel hinab ritt, standen die Kammerdiener an den Fenstern und winkten ihm hinterher.
   Als das Schloß dann endlich außer Sichtweite lag, war es König Binglong doch ein wenig seltsam zumute, denn schließlich hatte er sein Schloß nie zuvor verlassen, außer daß er vielleicht ein paar mal auf dem Innenhof im Kreis geritten war oder abends auf der hinteren Terrasse ein Buch gelesen hatte. Aber wie schön war das alles hier draußen! Der Himmel war so schön blau wie die Augen der Reinemachfrau, und er sah von hier aus noch viel blauer aus als von den kleinen Fenstern im Schloß! Und die Bäume waren so schön grün, und das Gras roch so frisch und gut, daß der kleine König beinahe seine Suche vergessen hätte und vom Pferd gestiegen wäre, um sich auf die Wiese zu legen und zu träumen. Sahen die Wolken am Himmel nicht wie Vögel aus? Oder wie Schafe?
   Aber dann fiel ihm wieder ein, daß er ja eine Königin suchte, und er trieb sein Pferd zur Eile an, damit er möglichst bald Korrestwine erreichte. Am Stadttor stieg er vom Pferd und machte es dort fest, denn hier würde er später leicht wieder aufsteigen können, wenn er das Stadtmäuerchen, das nur zwei Fuß hoch war, als Leiter benutzte.
   So ging König Binglong also zu Fuß durch die Stadt. An jeder Haustür klopfte er und stellte sich höflich vor, und die Leute waren sehr überrascht, denn sie hatten ihren König ja noch nie gesehen. Aber dann waren sie sehr freundlich und luden ihn zu Kaffee und Plätzchen ein, und der kleine König nahm jedesmal dankend an, damit er während des Kaffeetrinkens eine passende Gelegenheit wahrnehmen konnte, um die Leute nach einer kleinen Königin zu fragen. Aber er hatte Pech, niemand kannte eine kleine Königin, und niemand wußte, wo man noch suchen konnte. Doch immerhin war da niemand, der über ihn lachte, weil er so klein war, wie er es doch befürchtet hatte. Das erstaunte den König ein ganz klein wenig, doch dann machte es ihn sehr, sehr glücklich. Fast so glücklich wie es ihn machen würde, wenn er endlich eine Königin fände.
   Da Korrestwine ja nur eine ganz kleine Stadt war, hatte der König bis zum Abend fast alle Häuser besucht, und überall hatte er Kaffee und Plätzchen bekommen und sich sehr nett mit den Leuten unterhalten. Nur die kleine Königin, die hatte er noch nicht gefunden, und jetzt war da nur noch ein Haus übrig.
   Es war ein Haus ganz am Rande der Stadt, in einer dunklen Gasse, in die der König sich beinahe nicht hineingetraut hätte. Es war kein sehr schönes Haus, und als der kleine König vor der Tür stand, wäre er am liebsten wieder gegangen, denn diese Tür sah so ganz und gar nicht einladend aus. Sie war aus grobem Holz, von dem die grüne Farbe schon an vielen Stellen abblätterte, und die Türklinke war so hoch angebracht, daß der kleine König nicht herankommen konnte. Er zögerte noch einen Augenblick länger, aber da es das allerletzte Haus war und er die Hoffnung nicht früher aufgeben wollte als unbedingt nötig, klopfte er schließlich doch.
   Dann hörte er Schritte von drinnen, und schließlich wurde die Tür geöffnet. Neugierig starrte der kleine König auf den sich öffnenden Türspalt, und dann sah er sie: Beine. Lange Beine. Sein Blick ging daran nach oben und traf schließlich den Blick der Frau, die vor ihm stand. Sie war sehr hübsch und jung und sah genau so aus, wie der kleine König sich immer eine Königin vorgestellt hatte, nur – sie war fast sieben Fuß hoch!
   "Guten Tag", sagte die große Frau.
   Der König stand mit offenem Mund da und wußte gar nicht mehr, was er sagen wollte.
   "Guten Tag", sagte die große Frau noch einmal.
   "Ja, äh, hallo", erwiderte der kleine König da schließlich, "ich bin – äh, also, ich bin der kleine König Binglong und wollte mich – äh, endlich mal vorstellen."
   "Komm doch rein", meinte die große Frau und öffnete die Tür ein Stückchen weiter.
   "Na gut, warum nicht", dachte sich der kleine König und betrat das Haus. Von innen war es richtig schön und sah gar nicht mehr so alt und häßlich aus wie von draußen. Die große Frau ging voran ins Wohnzimmer und zeigte dann auf einen Sessel, und der kleine König setzte sich darauf. Der Sessel war so hoch, daß seine Füße ein ganzes Stück über dem Boden baumelten.
   "Wie wäre es mit Kaffee und Plätzchen?" fragte die große Frau und lächelte.
   "Ja, gerne", sagte der kleine König, obwohl er eigentlich schon genug Kaffee und Plätzchen gehabt hatte und sich vielmehr nach einer kleinen Tasse Nerendas-Tee und einem ordentlichen Teller Kartoffelsuppe sehnte. Aber er wollte ja höflich sein.
   "Das ist schön, daß mich endlich mal jemand besucht", meinte die große Frau. "Weißt du, ich gehe nämlich nicht gerne aus, weil ich so groß bin. Und darum kenne ich auch keinen. Und bestimmt würden sie mich nur auslachen."
   "Ja, das hab' ich auch immer gedacht", sagte der kleine König, "aber dann bin ich doch mal aus meinem Schloß gekommen, weil ich nämlich eine kleine Königin suche. Niemand hat gelacht, im Gegenteil, sie waren alle ganz nett zu mir."
   Da machte die große Frau ein ganz ernstes Gesicht und sagte: "Na ja, aber du bist ja auch ein König. Da ist es wohl egal, ob man groß oder klein ist."
   Weil der kleine König nicht sofort wußte, was er darauf erwidern sollte, rührte er erstmal in seinem Kaffee und tunkte eins von den Plätzchen ein. Dann machte er der großen Frau einen Vorschlag.
   "Komm doch mit mir zum Schloß! Auf dem Weg dahin gibt es Wiesen und Bäume, und das Gras riecht so gut, und der Himmel ist so schön blau wie – wie deine Augen!"
   Und da mußte die große Frau lächeln und meinte: "Nun, warum nicht", und der kleine König nahm sie bei der Hand und führte sie aus ihrem Haus und durch die Stadt. Niemand lachte, denn es war ja Seine Majestät König Binglong der Erste, der mit der großen Frau spazierenging. Und außerdem war es schon längst dunkel, und da sah man das mit der Größe sowieso nicht mehr so genau.
   Am Stadttor half die große Frau dem kleinen König, auf das Pferd zu steigen, und dann stieg sie selbst hinauf, und zu zweit ritten sie dann auf dem kleinen braunen Pferd bis zum Fuße des kleinen Hügels, auf dem das kleine Schloß stand. Da hielten sie an und legten sich in das frische Gras, das so gut roch, und schauten den Mond an, eine ganze Weile. Und schließlich sagte der kleine König: "Weißt du, über mich lacht niemand, weil ein König nämlich klein sein darf. Und wenn ein König klein sein darf, dann darf eine Königin auch groß sein, findest du nicht?"
   "Ich denke schon", antwortete die große Frau ganz leise, und das machte den kleinen König so glücklich, daß er aufsprang und unter dem Mond zu tanzen begann. Er reichte der großen Frau die Hände, und sie stand auch auf, und dann tanzten sie gemeinsam, einen Tanz nach dem anderen, bis der Morgen graute.
   "Ach du Schreck", sagte der König da, "ich muß ja zurück ins Schloß, sonst wird doch mein allmorgendlicher Nerendas-Tee kalt!"
   "Ach, schade", meinte die große Frau, "dann muß ich ja wieder zurück in mein großes Haus in Korrestwine." Es klang so traurig, daß es dem kleinen König ganz schwer ums Herz wurde.
   "Sag mal, magst du vielleicht auch eine Tasse Tee?" fragte er deshalb. "Ich meine, warum kommst du nicht einfach mit? Wenn du meine Königin sein willst, können wir jede Nacht hierher zurück kommen und unter dem Mond tanzen, und niemand wird über uns lachen, denn wir sind König und Königin, und in der Nacht sieht man das mit der Größe sowieso nicht so ganz genau."
   Und dann begann die große Frau gleichzeitig zu lachen und zu weinen, so daß der kleine König gar nicht mehr verstand, was denn los war. "Ja!" rief sie immer wieder, "ja, das will ich!"
   "Aber warum weinst du denn dann?" fragte der kleine König ganz verwirrt.
   "Doch nur, weil ich so glücklich bin", sagte die große Frau, die jetzt eine große Königin war.
   Und da fing der König auch an, vor Glück gleichzeitig zu lachen und zu weinen, und als sie beide von dem vielen Lachen und Weinen ganz erschöpft waren, machten sie sich auf den Weg zurück zum Schloß.
   Die Diener standen an den Fenstern, als der kleine König und die große Königin den Hügel hinaufgeritten kamen, und als sie das sahen, liefen sie ihnen sogleich entgegen, um sie zu begrüßen.
   "Darf ich euch meine große Königin vorstellen!" rief der König freudestrahlend, und dann hielt er erstmal inne, weil er ja noch gar nicht wußte, wie seine große Königin überhaupt hieß.
   "Eigentlich heiße ich ja Elsa", flüsterte sie ihm zu, "aber das ist doch kein Name für eine große Königin."
   Da sagte der König ganz laut, so daß alle es hörten: "Das ist meine große Königin, Ihre Majestät Königin Valerina die Erste!"
   Und als er sah, wie seine Königin Valerina lächelte, da wurde es ihm ganz warm ums Herz, und er strahlte über das ganze Gesicht.
   Am darauffolgenden Tag wurde die Hochzeit abgehalten, was den Schatzmeister ganz besonders freute, denn nun gab es endlich einmal ein Fest, für das er einen Teil des Geldes ausgeben durfte. Es war die größte und schönste Hochzeit, die das winzige Königreich Lunderandar je gesehen hatte, und Königin Valerina war die größte und schönste Königin, die Lunderandar je gesehen hatte.
   Und ganz bestimmt war der kleine König Binglong an jenem Tag der glücklichste König im ganzen Königreich.

--- ENDE ---


----- zurück zu / back to: ----- [ Der kleine König - Index | Literatur | Kultur ] -----









© 1985-2002 Aran Kuntze



Back to top ....