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Der Leuchtturmwärter

SZENE 3


Bühnenaufbau wie zuvor; die Kerze allerdings brennt nicht, der Leuchtturmwärter sitzt reglos im Dunkeln. Es ist wiederum die folgende Nacht. Einige Zeit herrscht Stille, dann hört man eilige Schritte hinter der Bühne. Schließlich wird heftig an die Tür geklopft, im nächsten Moment schon die Tür geöffnet; Jason betritt vorsichtig den Raum. Der Leuchtturmwärter sieht nicht einmal auf.
Jason tritt langsam an den Tisch heran, berührt den Leuchtturmwärter an der Schulter; der reagiert noch immer nicht.

JASON: [laut:] Was ist mit dem Licht?

Er faßt mit beiden Händen zu und schüttelt den Leuchtturmwärter, der darauf ebenfalls nicht reagiert.

JASON: Hey! Was ist mit dem Licht?! Warum brennt das Licht nicht?!

Jetzt wendet der Leuchtturmwärter langsam den Kopf und sieht Jason an. Der weicht erschreckt zwei Schritte zurück. Einige Augenblicke verharren sie so, dann greift der Leuchtturmwärter nach einem Zündhölzchen und entzündet die Kerze, um sich dann wiederum Jason zuzuwenden, der dem Blick jetzt ausweicht und zu Boden starrt.

JASON: [leise jetzt:] Ihr habt mich erschreckt. Ich dachte -

Er hält inne und sieht kurz auf. Der Leuchtturmwärter wendet betont seinen Blick ab, greift nach einem Blatt Papier und beginnt, ein Boot zu falten. Dieses setzt er dann vor sich auf den Tisch und betrachtet es ruhig. Auch Jason wendet seinen Blick dem Boot zu. Sie schweigen beide eine ganze Zeit lang.

JASON: [ruhiger:] Die Nacht ist klar; ich hatte die Sterne. Und der Mond ist hell genug, um meinen Weg auch ohne Euer Licht zu finden. Dennoch, ich dachte, es sei vielleicht etwas geschehen.

LEUCHTTURMW.: [ohne Zögern] Was sollte denn geschehen?

Jason macht erschreckt/erstaunt einen weiteren Schritt zurück, da er nicht erwartet hat, daß der Leuchtturmwärter etwas erwidert. Der Leuchtturmwärter nimmt das Boot in die Hand und wendet den Blick zu Jason.

LEUCHTTURMW.: Ich fragte, was sollte denn geschehen? Ihr werdet Euren Weg noch finden ohne mein Licht; Ihr braucht mich doch nicht!

Er steht auf; Jason weicht einen weiteren Schritt zurück. Der Leuchtturmwärter bleibt einen Moment lang unschlüssig stehen und schaut zu Boden oder Richtung Publikum; dann tritt er weiter auf Jason zu, der vor ihm zurückweicht, bis er an die Wand stößt. Der Leuchtturmwärter bleibt vor ihm stehen, nur einen Schritt entfernt.

LEUCHTTURMW.: Ich habe Euch erschreckt, sagt Ihr? Ich habe Euch erschreckt? Nur, weil das Licht nicht brannte? Wo wärt Ihr dann ohne mich? Wo wärt Ihr denn, wenn da niemand mehr ist, der nach dem Licht sieht?

Jason blickt zu Boden.

LEUCHTTURMW.: Ich sag’s Euch; wenn der Sturm kommt, werdet Ihr hilflos sein. Ihr glaubt doch nicht, Ihr würdet Euren Weg finden ohne mein Licht. Nein; wenn der Himmel sich zuzieht, wenn der nächste Sturm kommt, dann seid Ihr verloren.

Pause. Nach einem Moment wendet sich der Leuchtturmwärter ab.

LEUCHTTURMW.: Aber warum sollte ich das wollen?

Jason tritt einen Schritt an ihn heran.

JASON: Warum dann brennt das Licht nicht?

Der Leuchtturmwärter dreht sich abrupt zu Jason um und verpaßt ihm einen Schlag ins Gesicht, der ihn zurück an die Wand schleudert.

LEUCHTTURMW.: Sei still! Sei bloß still. Du hast mich einen verrückten alten Mann genannt; vielleicht hast du recht, vielleicht bin ich’s ja. Nicht ein Wort, hast du gesagt. Nun hast du ja, was du wolltest, nun rede ich! Und was fragst du mich nach dem Licht? Gestern hat’s gebrannt; und wo bist du gewesen? Wo bist du gewesen?

Jason setzt an, etwas zu sagen, doch der Leuchtturmwärter hebt die Hand, als wolle er ihn erneut schlagen.

LEUCHTTURMW.: Sei still; sei nur still. Du sagst mir nicht, was ich hätte tun sollen. Ich konnte nichts tun damals. Das Licht, hätte das Licht gebrannt, er hätte dennoch keine Chance gehabt, ich weiß das. Und was ändert es, wenn das Licht jetzt brennt? Du bist doch hier; und er kommt nicht zurück.

JASON: Aber die –

Eine erneute Bewegung des Leuchtturmwärters läßt ihn inne halten.

LEUCHTTURMW.: Sei still; ich sag’s dir zum letzten Mal. Keiner länger als drei Monate, das waren doch deine Worte, oder nicht? Warum dann bist du immer noch hier? Wo warst du gestern? Warum bist du zurückgekommen? Nein, sei still, ich will es nicht hören. Aber nochmal machst du das nicht; und sag nicht noch einmal, ich hätte dich erschreckt.

Der Leuchtturmwärter tritt einen Schritt zurück und sieht Jason einen Moment länger an; dann wendet er sich um und geht langsam zurück zum Tisch und setzt sich wieder, nimmt das Papierboot zur Hand, sieht es einen Augenblick lang an, zerknüllt es dann und wirft es wütend zu Boden.
Jason steht reglos an der Wand und sieht ihm zu; es ist offensichtlich, daß er Angst hat. Der Leuchtturmwärter beachtet ihn nicht weiter, sondern nimmt ein Blatt von einem der Stapel und die Schreibfeder und beginnt nach kurzem Zögern wieder zu schreiben, diesmal jedoch, ohne das Geschriebene laut vor sich hin zu sagen. Nach einigen Minuten wagt Jason, langsam auf ihn zuzugehen; der Leuchtturmwärter sieht nicht einmal auf, sondern schreibt nur noch hastiger. Jason tritt bis auf zwei Schritte an den Tisch heran und bleibt dort stehen, den Blick zu Boden. Nach einer Weile hört der Leuchtturmwärter auf zu schreiben und legt die Feder vor sich auf das Blatt Papier, sieht aber nicht auf.


JASON: [sehr leise:] Es tut mir leid. [Pause, dann etwas lauter:] Es tut mir leid, daß ich gestern nicht gekommen bin; ich konnte nicht, ich brauchte Zeit. Drei Monate lang hatte ich die Hoffnung nicht aufgegeben, daß es anders werden könnte, doch jede Nacht, wenn ich kam, habt Ihr geschwiegen; ich weiß nicht warum, aber ich konnte das nicht ertragen. All jene vor mir haben es aufgegeben, manche früher, manche später, und ich hatte sie nicht verstanden und nicht gedacht, daß es mir genauso gehen würde. Und dann fuhr ich heraus, gestern nacht, doch auf halbem Wege war die Angst davor, daß sich wiederum nichts geändert haben würde, so stark, daß ich umdrehte und zurückfuhr. Ich konnte nicht anders. Ich konnte nicht. Wie all die anderen hab ich es zu meiner Aufgabe, meiner wichtigsten Aufgabe gemacht, jede Nacht hier herauszufahren, für Euch; wie all die anderen hab ich den Fehler gemacht zu hoffen, mein Einsatz würde irgend etwas ändern. Und gestern nacht konnte ich nicht mehr. Es tut mir leid.

LEUCHTTURMW.: [leise:] Hör auf damit.

JASON: Ich begriff, daß es nicht recht war. Und ich ärgerte mich über mich selbst. Daß ich nicht so einfach aufgeben durfte. Daß diese drei Monate nicht umsonst sein durften. Ich beschloß, es weiterhin zu versuchen. Gleich, was sein würde. Ich würde niemals aufgeben. Und dann fuhr ich heraus, heute nacht, und das Licht brannte nicht, und da fürchtete ich, daß es zu spät war.

LEUCHTTURMW.: [laut:] Hör auf!!

Eine ganze Weile lang herrscht Schweigen. Schließlich steht der Leuchtturmwärter auf, und Jason macht erschreckt einen Schritt Richtung Tür.

JASON: Ich – ich sollte vielleicht nach dem Licht sehen.

Jason macht einen weiteren Schritt auf die Tür zu, doch der Leuchtturmwärter tritt ihm in den Weg.

LEUCHTTURMW.: Ich werde nach dem Licht sehen – später.

Der Leuchtturmwärter deutet auf den Platz, an dem er eben noch gesessen hat. Zögernd folgt Jason der unmißverständlichen Aufforderung und nimmt am Tisch Platz.

LEUCHTTURMW.: Und nun, Jason — schreib.

Jason nimmt die Schreibfeder zur Hand. Vorhang.


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