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Der Leuchtturmwärter

SZENE 2


Der Bühnenaufbau gleicht exakt dem zu Beginn des Stücks; es ist offenbar die folgende Nacht. Wieder betritt der Leuchtturmwärter den Raum, nimmt am Tisch Platz und beginnt zu schreiben.

LEUCHTTURMW.: "Der Sturm warf hohe Wellen auf das kleine Schiff; er war längst völlig durchnäßt. Doch es machte wenig Sinn, unter Deck zu gehen und auf den Tod zu warten."

Wie in der Nacht zuvor hält er inne, sieht auf und lauscht.

LEUCHTTURMW.: Auch heute nacht ist es ruhig - kein noch so leiser Wind, man hört die See nicht. Das Licht brennt stetig, gewiß kann man es weithin sehen; und wohin es nicht reicht, dort richtet man sich nach den Sternen.

Er schreibt weiter.

LEUCHTTURMW.: "Suchend ging sein Blick gen Himmel, in der verzweifelten Hoffnung, zwischen all den Wolken ein paar einzelne Sterne zu erkennen, die ihm die Orientierung zurückgeben mochten. Doch hier und da ein Fetzen nachtschwarzer Himmel, ein einziger Stern, all das genügte nicht, um in dem wilden Chaos aus Wasser und Wind eine Richtung zu finden."

Er hält inne, schaut leer Richtung Publikum.

LEUCHTTURMW.: Wenn er ein Licht gehabt hätte, er hätte eine Chance gehabt; ganz sicher. Das Licht – ich muß nach dem Licht sehen. Auch in ruhigen Nächten – gerade in ruhigen Nächten. Man darf sich nie darauf verlassen, daß nichts geschehen wird.

Er steht auf und verläßt für ein paar Augenblicke den Raum. Dann kommt er zurück, nimmt wieder Platz; legt das eben beschriebene Blatt auf den zweiten Stapel und nimmt ein neues vom ersten.

LEUCHTTURMW.: "Man sagte, im Zentrum des Sturms herrsche Ruhe. Doch er war mitten darin, und die See tobte um ihn herum, das kleine Schiff ein Spielball der Elemente."

Er legt das Blatt beiseite und nimmt ein neues, beginnt, ein Boot zu falten. Als er es fertig hat, hält er es vor sich und betrachtet es eine Weile.

LEUCHTTURMW.: [ohne zu schreiben:] Das kleine Schiff leistete den tobenden Fluten nicht lange Widerstand. Die Masten knickten, die Planken brachen, als sei es aus Papier.

Er setzt das Boot auf den Tisch.

LEUCHTTURMW.: Ich muß nach dem Licht sehen. Die Nacht ist ruhig, aber es hilft nichts.

Er steht auf und verläßt den Raum. Als er einige Zeit später zurückkehrt, wirkt er unruhig. Er setzt sich und nimmt das Boot wieder in die Hand, dreht es hin und her.

LEUCHTTURMW.: Keiner länger als drei Monate, hat Jason gesagt.

Er setzt das Boot beiseite und nimmt ein neues Blatt; auf dieses dann zeichnet er mit wenigen Strichen ein kleines Segelschiff. Er hält das Blatt hoch, betrachtet das Bild dann eine Weile, bevor er es auf dem Stapel ablegt. Dann blickt er unruhig zur Tür.

LEUCHTTURMW.: Es ist so ruhig draußen, aber wie oft ist die Stille trügerisch? Es war nicht wirklich wild dort draußen in jener einen Nacht; sicher, es tobte der Sturm, aber nicht mehr als sonst auch. Er war oft genug im Sturm gefahren. Er kannte die See.

Er blickt erschreckt Richtung Publikum; als habe er etwas gehört. Einen Moment verharrt er so, dann schüttelt er den Kopf und schaut wiederum zur Tür.

LEUCHTTURMW.: Keiner länger als drei Monate.

Eine ganze Zeitlang herrscht Schweigen; der Leuchtturmwärter blickt starr auf die Tischplatte. Schließlich nimmt er ein Blatt Papier zur Hand und faltet ein weiteres Boot, nimmt ein weiteres Blatt Papier, teilt es in zwei Hälften, faltet ein kleineres Boot, halbiert die übrige Hälfte und faltet ein noch kleineres Boot. Den Rest knüllt er zusammen und wirft ihn hinter sich. Dann blickt er wiederum zur Tür.

LEUCHTTURMW.: Das Licht. Vielleicht ist es das Licht, vielleicht brennt es nicht mehr. Ich – ich sollte nachsehen.

Er nickt bedächtig, steht dann langsam auf und verläßt den Raum. Bald darauf kehrt er zurück zu seinem Tisch, den Blick zu Boden. Er setzt sich langsam und schweigt einige Zeit, starrt dann abrupt Richtung Publikum.

LEUCHTTURMW.: [schnell, ohne Pausen:] Natürlich brennt das Licht noch. Außerdem ist es ruhig draußen. Und Jason kennt die See. Es wird spät. Er ist noch nie zu spät gekommen. Aber er kennt die See. Selbst wenn Sturm ist, er ist immer gekommen. Drei Monate lang, jede Nacht. Und immer brannte das Licht.

Er stellt die Papierschiffe in einer Reihe auf. Schließlich nimmt er ein neues Blatt und schreibt weiter.

LEUCHTTURMW.: "Er hatte keine Chance – nicht den Hauch einer Chance. Schwarz brach die See über ihm zusammen, düstere Wellen überspülten das Schiff und brachen die Masten. Er versuchte nicht einmal mehr, sich zu retten. Er wollte bei seinem Schiff bleiben, und er hätte eh keine Chance gehabt."

Er nimmt das erste Papierschiff zur Hand, knickt es zusammen, schiebt es vom Tisch, sieht ihm nachdenklich nach.

LEUCHTTURMW.: Es wird spät. Keiner länger als drei Monate, hat Jason gesagt. Er ist nie zu spät gekommen.

Er sieht ein weiteres Mal zur Tür, steht halb auf und hält inne, setzt sich dann wieder.

LEUCHTTURMW.: Nein; das Licht brennt, ich weiß, daß das Licht brennt. Er wird nicht kommen.

Eins nach dem anderen nimmt er die Papierschiffe in die Hand, knickt sie und schiebt sie vom Tisch.

LEUCHTTURMW.: Er wird nicht kommen, er wird nicht kommen, er wird nicht kommen.

Er hält noch einmal inne und schaut zur Tür, schüttelt dann aber den Kopf.

LEUCHTTURMW.: [laut:] Was kümmert es mich, ob das Licht brennt? Er kommt doch ohnehin nicht zurück!

Mit einer wütenden Handbewegung löscht er die Kerze. Vorhang.


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