Ein kleiner, dunkler Raum; ein Tisch in der Mitte, an dem ein einfacher Stuhl steht; ein weiterer Stuhl steht an einer Wand des Raumes. Das einzige Licht im Raum stammt von einer Kerze, die in einer alten Weinflasche steckt. Außerdem auf dem Tisch: zwei Stapel Papier, ein Tintenfaß, eine Schreibfeder.
Ein alter Mann betritt den Raum und nimmt am Tisch Platz; der Leuchtturmwärter. Er hebt die Feder auf und nimmt ein Blatt von einem der Papierstapel, zeichnet mit zitternder Hand ein paar Kreise und Linien darauf und legt es auf den anderen Stapel. Dann nimmt er ein zweites Blatt und beginnt zu schreiben.
LEUCHTTURMW.: [während er schreibt:] "Die - Dunkelheit war nicht sein Freund, heute nicht."
Er hält einen Moment inne, sieht auf.
LEUCHTTURMW.: Es ist so - ruhig hier, heute nacht. Man hört die See gar nicht.
Er schreibt weiter.
LEUCHTTURMW.: "Hart schlugen die Wellen gegen das kleine Schiff, so daß er Mühe hatte, den Kurs zu halten. Aber er mochte mehr verlieren in dieser Nacht als den Kurs, vielleicht das Schiff, vielleicht sein Leben."
Er hält ein weiteres Mal inne und lauscht, bevor er weiterschreibt. Nichts ist zu hören.
LEUCHTTURMW.: "Die See tobte."
Er streicht mit der Feder eine Zeitlang an der Weinflasche entlang, als überlege er, was er als nächstes schreiben solle. Schließlich legt er die Feder auf den Tisch, greift nach dem beschriebenen Blatt und legt es auf den anderen Stapel.
LEUCHTTURMW.: Ich muß nach dem Licht sehen.
Er steht auf und verläßt mit langsamen Schritten den Raum. Erst nach ein paar Minuten kehrt er zurück, nimmt ein neues Blatt vom Stapel und fährt fort zu schreiben.
LEUCHTTURMW.: "Die Nacht war ohne Sterne. Die Wellen schlugen hart gegen das kleine Schiff. Die See tobte."
Er legt die Feder beiseite und das Blatt auf den zweiten Stapel. Dann nimmt er ein neues Blatt und beginnt ein Boot zu falten. Als er es fertig hat, setzt er es vor sich auf den Tisch und betrachtet er es eine Zeitlang.
LEUCHTTURMW.: Ich - ich muß nach dem Licht sehen.
Er steht ein weiteres Mal auf und verläßt für ein paar Minuten den Raum. Als er zurückkehrt und wieder am Tisch Platz nimmt, wirkt er noch müder, noch trauriger als zuvor.
LEUCHTTURMW.: Es ist so ruhig draußen. Die See ist so ruhig. Wie ein Spiegel.
Es klopft. Der Leuchtturmwärter jedoch sieht nicht einmal auf, sondern zeichnet mit dem Zeigefinger einen imaginären Kreis um das Papierboot auf dem Tisch.
LEUCHTTURMW.: Das Licht, wenn das Licht nicht wäre, man könnte die Sterne sehen von hier aus.
Es klopft wieder. Der Leuchtturmwärter hält inne, und als ein paar Augenblicke später die Tür geöffnet wird, erstarrt er vollends in seiner Bewegung. Ein junger Mann, vielleicht dreißig, fünfunddreißig Jahre alt, betritt den Raum; Jason. Er trägt eine Kiste mit Lebensmitteln und einer Flasche Wein.
JASON: Guten Abend; ich bring Euch Eure Sachen. - Nicht sehr gesprächig heute, was? Nun gut; ich kenne Euch nicht anders. Was soll ich sagen - es ist ruhig draußen. Nicht eine Wolke am Himmel. Ich hab' versucht, die Sterne zu zählen, während ich herüberfuhr - es sind zu viele.
Er stellt die Kiste neben dem Tisch auf den Fußboden und geht hinter dem Leuchtturmwärter um den Tisch herum. Dann sieht er das Papierboot und greift danach. Der Leuchtturmwärter reagiert noch immer nicht.
JASON: Ein Boot; schon wieder ein Boot. Warum? Jede Nacht dasselbe, bei Sturm, bei ruhiger See. Ich fahre hier heraus, und Ihr sagt nichts dazu; kein Wort der Dankbarkeit, nicht einmal das. Nur Boote, Boote, und Stapel voll beschriebenen Papiers.
Er hält das Boot mit der Linken und greift mit der Rechten nach dem obersten Blatt Papier auf dem zweiten Stapel, um es dann lächelnd für sich selbst zu lesen und dann vorzulesen.
JASON: "Die Nacht war ohne Sterne. Die Wellen schlugen hart gegen das kleine Schiff. Die See tobte." - Jede Nacht dasselbe, jede Nacht ein kleines Schiff im Sturm, ohne Chance. Wenn Ihr einmal nur, einmal nur mir erklären würdet, welchen Sinn all das haben sollte - welchen Grund das hat. Damit ich weiß, wofür ich jede Nacht hier herausfahre.
Er legt das Blatt zurück - auf den falschen Stapel - und setzt dann das Boot wieder auf die Tischplatte, jedoch so, daß es umfällt.
JASON: Drei Monate sind es jetzt, und Ihr habt nicht einmal mit mir gesprochen. Wie lange, glaubt Ihr, kann ich das noch? Wie lange noch, glaubt Ihr, bis ich genauso aufgebe wie all jene vor mir? Wenn ich mich recht erinnere, hat es keiner länger als drei Monate ausgehalten. Jede Nacht hier herauszufahren, zu einem verrückten alten Leuchtturmwärter, der Papierboote faltet und wirre Geschichten schreibt. Dessen einziger Freund wohl der Wein ist. Und nicht ein Wort von Euch.
Er nimmt die Flasche Wein aus der Kiste, tritt von hinten an den Leuchtturmwärter heran - so dicht, daß er ihn berühren muß - und hält ihm die Flasche vor das Gesicht.
JASON: Ist das Eure einzige Freude? Das, und die Nacht, und das Leuchtfeuer, und die See, und - Papierboote? Warum sagt Ihr nichts dazu? Warum schweigt Ihr? Ihr sprecht zu ihnen, ich weiß das doch; ihr redet die ganze Zeit, wenn Ihr allein seid, nur ich bin es Euch offenbar nicht wert. Nun denn, trinkt Euren Wein, trinkt; ich will Euch nicht weiter stören.
Er stellt die Flasche auf das umgekippte Papierboot und verläßt dann mit entschlossenen Schritten den Raum. Erst als er einige Zeit fort ist, regt sich der Leuchtturmwärter; er stellt die Flasche in die Kiste zurück, greift dann nach dem Papierboot und bringt es wieder in Form, um es eine Zeitlang zu betrachten und es schließlich wieder an seinen vorigen Platz zu stellen. Dann nimmt er das zuletzt beschriebene Blatt vom falschen Stapel und legt es auf den anderen. Eine Weile ruht sein Blick dann auf dem Papierboot.