Es gab einmal einen Narren, das war Reljakin, der verstand die Sprache der Tiere und war gut Freund mit ihnen. Eines Tages ließ der Bürgermeister Reljakin zu sich rufen und sagte:
"Die Bauern sind sehr aufgebracht, Reljakin, sie haben in den letzten Tagen Schafe und Ziegen verloren. Sie beschuldigen deine Freunde, die Wölfe, und du sollst dafür sorgen, daß das Rauben ein Ende nimmt."
"Dann will ich zu ihnen gehen", erwiderte der Narr und machte sich gleich auf den Weg.
Im Wald traf er die alte Wölfin, die das Rudel führte.
"Die Bauern beschuldigen euch, ihr hättet Schafe und Ziegen gestohlen", sprach Reljakin in der Sprache der Wölfe.
"Ich werde sie fragen", gab die Wölfin zurück und rief das Rudel. Fünfzehn Wölfe erschienen und bildeten einen Kreis um sie und den Narren. "Hat einer von euch eine Ziege, ein Schaf geholt?" fragte sie dann.
"Keiner von uns", antworteten die Wölfe, "keiner von uns. Wir sind keine Räuber."
Reljakin wußte, daß sie nicht logen. So kehrte er zurück ins Dorf und teilte dem Bürgermeister mit, daß die Wölfe keine Schuld traf.
"Ich werde es den Bauern berichten", sagte der Bürgermeister.
Doch am Mittag ließ er den Narren erneut zu sich rufen.
"Keine guten Neuigkeiten, Reljakin", bemerkte er. "Die Bauern sagen, sie hätten die Wölfe gesehen, und für jedes Schaf, jede Ziege, die fehlt, wollen sie einen von ihnen töten."
"Die Wölfe lügen nicht", entgegnete Reljakin. "Sie sind nicht die Räuber."
"Das mußt du schon den Bauern selber sagen", erwiderte der Bürgermeister.
Also ging Reljakin auf die Felder zu den Bauern.
"Was willst du, Narr?" riefen sie, als sie ihn sahen.
"Ihr sagt, die Wölfe hätten euch Schafe und Ziegen gestohlen", erklärte Reljakin. "Aber das haben sie nicht. Ihr solltet den Räuber besser unter euresgleichen suchen."
"Was sagst du, Narr? Du beleidigst uns! Wir haben die Wölfe mit unseren eigenen Augen gesehen!"
Aber Reljakin wußte, daß die Bauern logen.
"Ich habe gehört, ihr wollt einen Wolf töten für jedes Tier, das euch fehlt", sagte der Narr leise.
"Das werden wir", sagten die Bauern, "das werden wir."
"Das wollt ihr tun?" fragte Reljakin noch einmal. "Obschon ich euch sage, daß es nicht die Wölfe waren?"
"Wer sonst sollte es gewesen sein, Narr? Glaubst du, wir würden unsere eigenen Schafe stehlen?"
"Dann will ich von nun an ein Wolf sein", sagte Reljakin, leiser noch, "und mit den Wölfen heulen. Und wenn ihr sie alle töten wollt, so müßt ihr auch mich töten: dieses eine Mal noch sage ich euch, sie waren es nicht."
Die Bauern sahen sich an, dann aber lachten sie nur und wandten sich wieder ihrer Arbeit zu. Keiner beachtete mehr den Narren, der schweigend auf alle viere niederging und behende wie ein Wolf davonlief in den nahen Wald.
Der Bürgermeister rief die Bauern zu sich, da er hörte, was geschehen war, und stellte sie zur Rede.
"Er heult mit den Wölfen, weil er Angst vor ihnen hat", verteidigten sich die Bauern.
"Er heult mit den Wölfen, weil er ihre Gesellschaft der euren vorzieht", widersprach der Bürgermeister. "Ihr habt ihn zu den Wölfen getrieben, so solltet ihr sehen, daß er zurückkehrt. Diesmal ist es wohl an euch, sich zu entschuldigen."
Doch die Bauern stellten sich taub, sie kehrten zurück auf ihre Höfe und machten sich bereit zur Jagd.
Des Nachts dann schlichen sie auf die kleine Lichtung zu; dort saß das Rudel von sechzehn Wölfen, mitten unter ihnen der Narr, und sie heulten den vollen Mond an. Sie sahen die Bauern zu spät, und zahllose Pfeile stoben unter sie und töteten fünfe.
"Es tut mir leid", sagte Reljakin zu der alten Wölfin, als sie die Bauern vertrieben hatten. "So sind sie, sie glauben den Wolf zu kennen und geben ihm alle Schuld, ungeachtet der Tatsachen."
"Sie werden dich zurückholen wollen, Narr", meinte die Wölfin, denn sie war alt und weise und kannte die Menschen wohl. "Du gehörst zu ihnen, bist du doch ein Mensch."
"So will ich kein Mensch mehr sein", erwiderte Reljakin. "Wolf will ich sein von nun an und bleiben."
"Du bist ein Narr, Reljakin", bemerkte die Wölfin, doch sie lächelte dabei, wie nur ein Wolf lächeln kann.
Ein weiteres Mal rief der Bürgermeister die Bauern zu sich.
"Nun habt ihr Wölfe getötet", stellte er fest. "Sind denn weitere Schafe verschwunden?"
"Drei Schafe, fünf Ziegen", sagten die Bauern. "Wir werden alle Wölfe töten, dann wird es ein Ende haben."
"Alle Wölfe?" fragte der Bürgermeister nach.
"Alle Wölfe", bestätigten die Bauern.
"Auch den Narren?" fragte der Bürgermeister, aber er erhielt keine Antwort.
Wiederum gingen die Bauern des Nachts in den Wald, die Wölfe zu jagen. Wiederum töteten sie fünf von ihnen, bevor die Wölfe sie vertreiben konnten.
"Du solltest zurück zu den Menschen gehen, Reljakin", sagte die alte Wölfin. "Hier gibt es nichts, was du tun kannst."
"Ich gehöre nicht zu ihnen, Wölfin", wiederholte Reljakin, "ich bin ein Wolf."
"So fürchte ich, wirst du als Wolf sterben", erwiderte die Wölfin. "Und sag mir, wem hat es dann genutzt?"
Darauf konnte der Narr nichts antworten.
Auch am nächsten Tag wurden die Bauern ins Rathaus gerufen.
"Wie soll es weitergehen", fragte der Bürgermeister bekümmert. "Habt ihr nun nicht genug angerichtet?"
"Es fehlen weitere vier Schafe und drei Ziegen", sagten die Bauern. "Wir werden nicht aufhören, bevor alle Wölfe zur Strecke gebracht sind."
"Auch der Narr?" fragte der Bürgermeister wieder.
"Auch der Narr", antworteten die Bauern diesmal.
Ein weiteres Mal töteten die Bauern in der Nacht fünf Wölfe. Allein der Narr und die alte Wölfin blieben zurück.
"Nun müssen sie doch erkennen, daß nicht die Wölfe die Räuber waren", sagte Reljakin, doch es klang mutlos.
"Du weißt, daß sie nicht erkennen wollen", meinte die Wölfin. "Geh fort von hier, Narr, mehr kannst du nicht tun."
"Ich werde nicht gehen", entgegnete Reljakin. "Ich bin ein Wolf. Ich bleibe ein Wolf."
"Warum willst du sterben, Reljakin?" fragte die Wölfin, doch was sollte der Narr darauf antworten.
Ein letztes Mal rief der Bürgermeister die Bauern im Rathaus zusammen.
"Er heult noch immer mit den Wölfen", sagten die Bauern.
"Da sind keine Wölfe mehr", erwiderte der Bürgermeister. "Seht ihr denn nicht, daß der Narr recht hatte?"
"Es fehlen weitere Schafe", gaben die Bauern zurück. "So lange der Narr dort draußen ist, gibt es noch Wölfe."
In der nächsten Nacht töteten sie die alte Wölfin und fingen den Narren. Sie banden ihn mit Stricken und zerrten ihn vor den Bürgermeister.
"Wir bitten um Erlaubnis", sagten die Bauern spöttisch, "diesen Wolf töten zu dürfen."
"Ich kann euch nicht verbieten, einen Wolf zu töten", erwiderte der Bürgermeister leise. "Dieser da aber ist ein Narr."
"Er ist ein Wolf", beharrten die Bauern. "Er ist ein Wolf, seht doch."
Ja, wie ein Wolf lag der Narr gebunden am Boden und schnappte nach ihnen, als sie ihn berühren wollten.
"Es ist genug, Reljakin", sagte der Bürgermeister zum Narren. "Steh auf, du bist doch ein Mensch."
Doch der Narr sah ihn nur an, knurrend wie ein gefangener Wolf, ansonsten stumm.
"Er ist ein Wolf!" riefen die Bauern und schwangen ihre Knüppel, doch der Bürgermeister hob die Hand, und sie hielten inne.
"Reljakin", versuchte er es ein zweites Mal. "Du bist ein Mensch, so sprich zu uns. Sie werden dich totschlagen sonst, und ich kann sie nicht daran hindern."
Der Narr hob den Kopf und sah ihn an, aber er blieb stumm.
"Er ist ein Wolf!" riefen die Bauern wieder, und nur mit Mühe konnte der Bürgermeister sie noch zurückhalten.
"Du bist ein Narr, Reljakin", sagte er leise und ging vor ihm in die Hocke. "Beende es jetzt, lang genug hast du gespielt. Du erreichst doch nichts damit."
Aber nein, der Narr sprach nicht. So erhob sich der Bürgermeister und sah auf ihn herab, und dann rief er:
"Nun gut, Narr, du wolltest es so! Zerstöre doch, was du zerstören willst, zerstöre dich selbst! Ich werde dich nicht zurückhalten."
Der Narr warf den Kopf in den Nacken und heulte wie ein Wolf, ein letztes Mal. Der Bürgermeister aber wandte sich ab und sah nicht zu, wie sie ihn erschlugen.
Natürlich nahm das Rauben kein Ende. Viele weitere Tiere verschwanden, bevor sich endlich herausstellte, wer die Diebe waren: eine Bande von Bauernlümmeln aus dem Nachbardorf. Die Bauern mußten ihren Fehler nun erkennen, doch das brachte sie nicht zurück, nicht Reljakin noch die Wölfe.
Bald plagten Scharen von Rasconte die Gegend, jetzt, da die Wölfe, ihre natürlichen Feinde, verschwunden waren. Sie stahlen Hühner und Gänse, und bald selbst Zicklein und Lämmer; und es gab niemanden mehr, der mit ihnen reden und sie überzeugen konnte, die Gegend zu verlassen. Die Verluste der Bauern waren weit größer nun als zuvor; und doch verlor niemand mehr ein Wort über das, was geschehen war, denn nicht einer hatte das Gefühl, falsch gehandelt zu haben.
So hatte Reljakin es gesagt: sie glaubten den Wolf zu kennen, so war es klar, daß immer den Wolf die Schuld traf. Denn so lange es Fremde gibt, wird niemand den Feind im eigenen Volk vermuten.