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Aus dem Narrenzyklus:

Warum die Stadt Tonar keine Glocken hat

So wie die kleine Stadt Tonar bekannt ist für ihre einfältigen Bürger, kennt man den Narren Nonja für seine schelmischen Streiche. Die Stadt Tonar besitzt einen der größten Glockentürme des Landes, doch keine Glocke. Daran ist Nonja nicht ganz unschuldig, doch wahrhaft schuld daran sind die Bürger von Tonar, die so dumm waren, auf den Narren zu hören.

   Denn Nonja kam eines Tages zum Bürgermeister, da hatte man Tonar gerade die Stadtrechte zugesprochen, und nun wollte man einen Glockenturm bauen.
   "Wir sollten den größten und schönsten Glockenturm des Landes haben", sagte Nonja, und die Bürger stimmten ihm zu.
   Da ließ der Bürgermeister den bekanntesten Baumeister des Landes kommen und trug ihm auf, den schönsten und größten Glockenturm des Landes zu bauen.
   Das tat der Baumeister, doch als der Bürgermeister ihn bezahlt hatte, war da kein Geld mehr im Stadtsäckel für die Glocke.
   "Ach, Nonja", sagte der Bürgermeister also zum Narren, "jetzt haben wir den schönsten und größten Glockenturm des Landes, und doch keine Glocke!"
   "Nun", erwiderte Nonja, "wir sollten die schönste und größte Glocke des Landes haben. Also sammelt alles Gold, Silber und Kupfer, was in der Stadt zu finden ist, und laßt eine große Glocke gießen!"
   Die Bürger waren begeistert von Nonjas Vorschlag, und gerne gaben sie all ihren Schmuck, ihre letzten Kupfermünzen und selbst ihre Waffen. Aus all dem Metall wurde dann eine wunderschöne große Glocke gegossen.
   Doch als die Glocke fertig war, war da nicht einmal mehr das Geld für den Schlegel.
   "Ach, Nonja", sagte der Bürgermeister also zum Narren, "jetzt haben wir den schönsten und größten Glockenturm des Landes, und wir haben die größte und schönste Glocke des Landes, und doch bleibt sie stumm, haben wir doch kein Geld für den Schlegel!"
   "Nun", erwiderte Nonja, "so müssen wir den Glockenturm wieder einreißen und einen kleineren bauen lassen. Die Steine verkaufen wir und kaufen von dem Geld einen Schlegel. Dann haben wir zwar nicht mehr den größten und schönsten Glockenturm des Landes, doch immer noch die schönste und größte Glocke."
   Also wurde der schöne große Glockenturm wieder abgerissen und durch einen kleineren ersetzt. Die überzähligen Steine wurden verkauft, und von dem Geld ließ der Bürgermeister für die Glocke einen Schlegel anfertigen.
   Doch als der Schlegel fertig war und man die Glocke anbringen wollte, da war der neue Glockenturm zu klein für solch eine große Glocke.
   "Ach, Nonja", sagte der Bürgermeister also zum Narren, "jetzt haben wir die schönste und größte Glocke des Landes, aber sie paßt nicht in unseren kleinen Glockenturm!"
   "Nun", erwiderte Nonja, "so müssen wir die Glocke wieder einschmelzen und eine kleinere gießen lassen. Dann haben wir zwar nicht mehr die schönste und größte Glocke, aber wenigstens paßt sie in unseren kleinen Glockenturm."
   Also wurde die schöne große Glocke wieder eingeschmolzen und eine kleinere Glocke gegossen. Die paßte jetzt in den Glockenturm, doch paßte der Schlegel nicht mehr in die Glocke, und so war die Glocke wieder stumm.
   "Ach, Nonja", sagte der Bürgermeister also zum Narren, "jetzt haben wir nur einen kleinen Glockenturm, und nur eine kleine Glocke, aber sie kann nicht einmal läuten, denn wir haben keinen kleinen Schlegel!"
   "Nun", erwiderte Nonja, "so müssen wir wohl den großen Schlegel verkaufen und einen kleineren Schlegel anfertigen lassen."
   Doch niemand wollte einen Glockenschlegel ohne eine passende Glocke kaufen. Also wurde das übrige Metall eingeschmolzen und daraus ein kleiner Schlegel angefertigt, der in die Glocke paßte.
   So hätte die Stadt Tonar jetzt eigentlich einen hübschen kleinen Glockenturm gehabt, mit einer hübschen kleinen Glocke, die wohl läuten konnte, und dazu einen großen Glockenschlegel.
   Aber ach, die Bürger Tonars waren nicht zufrieden. Sie hatten den schönsten und größten Glockenturm des Landes haben wollen, und jetzt stand da nur ein mickriges Türmchen mit einem Glöckchen, dessen Schlag man nicht einmal bis zum Stadtrand hören konnte!
   "Ach, Nonja", sagte der Bürgermeister also zum Narren, "jetzt haben wir nur einen winzigen Glockenturm und eine winzige Glocke, das ist doch nichts! Aber wir haben nicht das Geld, einen großen Glockenturm bauen zu lassen."
   "Nun", erwiderte Nonja, "so müssen wir wohl das Glöckchen verkaufen. Von dem Geld kaufen wir Steine, und damit bauen wir einen großen Glockenturm."
   Also wurde das Glöckchen verkauft, und mit dem Geld wurden Steine gekauft, und mit denen wurde ein größerer Glockenturm gebaut.
   Jetzt endlich merkten die Bürger von Tonar, daß sie wieder dort waren, wo sie begonnen hatten, nur daß sie statt ihres Geldes und ihres Schmuckes jetzt einen großen Glockenschlegel besaßen, den niemand gebrauchen konnte. Der Narr aber stieg lachend auf den leeren Glockenturm hinauf und rief von dort herunter:
   "Hört mir zu, Bürger Tonars, ihr Narren! Wißt ihr nun, was geschieht, wenn man blind den Worten eines Narren folgt? Seht ihr nun, wohin es führt, wenn man mehr erreichen will, als man sich leisten kann?"
   Da jagten sie ihn aus der Stadt, weil sie nicht sehen wollten, daß sie selbst so dumm gewesen waren. Der Glockenturm aber ist heute noch ohne Glocken, und der große Schlegel liegt im Keller des Rathauses und wartet darauf, daß irgendwann vielleicht doch eine große Glocke gekauft werden kann.

   So kommt es, daß man heute noch von einer Sache, die überhaupt nicht zu gebrauchen ist, sagt, sie sei so nutzlos wie der Glockenschlegel von Tonar. Und von einem, der nie genug bekommen kann, sagt man, er würde für einen Glockenturm selbst seine Glocke verkaufen.




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