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Aus dem Narrenzyklus:

Der Narr und der Silberreif

Von einem Narren namens Lusvin kennt man ein Märchen, das zeigt, wie ein Mensch auf der Suche nach seinem Glück manchmal das Licht nicht findet, weil er von der Sonne so geblendet ist. So erging es auch Lusvin, der als freier Narr durch die Länder zog, den Menschen Geschichten sang und niemals lang an einem Ort verweilte. Eines Tages geschah es, daß ihn nach seinem Spiel jemand beiseite nahm, ihn in eine dunkle Gasse zog und sagte:
   "Es gibt etwas, was ich dir geben will, Narr."
   Dann zog der Fremde aus einer Tasche einen kunstvoll gearbeiteten Silberreif hervor und warf ihn dem Narren zu. Lusvin war zu überrascht, als daß er ihn hätte fangen können, und so mußte er sich in der dunklen Gasse danach bücken und ihn suchen. Nun, er wollte ein so kostbares Geschenk nicht annehmen, doch als er den Reif endlich gefunden und aufgehoben hatte, war der Fremde längst fort. So steckte Lusvin den Reif ein und sagte sich:
   "So will es das Schicksal wohl, daß ich den Reif behalte; mag sein, er ist mir einmal von großem Nutzen, doch will ich von nun an seinen Besitzer suchen und ihm den Reif zum Schluß zurückgeben."
   Wie für jeden Narren, so kamen auch für Lusvin Zeiten, in denen es ihm schlecht erging. Viel wollten und konnten die Menschen ihm nicht geben für seine Lieder, und oftmals war es so wenig, daß es zum Leben nicht reichte. So hätte Lusvin nun den kostbaren Silberreif verkaufen können, aber er hielt an ihm fest, denn er wollte ihn ja eines Tages seinem Besitzer zurückgeben.
   Hungernd und frierend zog er darum weiter durch die Welt, auf der Suche nach seinem Glück, und auf der Suche nach dem rechten Besitzer des kostbaren Schmuckstücks. Schließlich führte ihn seine Reise in die Stadt Ferrnow. Dort, wie überall, zeigte er auf dem Marktplatz, wo er sang und die Glöckchen spielte, den Silberreif vor und erzählte, wie er an ihn gekommen war. Hier aber gab es einen Jungen, das war Conja; der glaubte, den Reif zu kennen.
   "Es ist ein Wappen darauf", stellte er fest, "und es mag sein, daß es das Wappen des Lord ad Cariljar ist. Nun, Lusvin, wir sollten zu ihm gehen; vielleicht hat der Mann, der ihn dir gab, ihn gestohlen."
   So machten der Narr und der Junge sich auf den Weg zum Lord ad Cariljar. Die Wachen aber, die bei dem Narren den Silberreif fanden, hielten ihn für den Dieb, denn tatsächlich war das Schmuckstück einmal gestohlen worden. Sie glaubten ihm seine Geschichte nicht, sondern warfen ihn in den Kerker, und den Jungen noch dazu.
   "Das hat man nun davon", schimpfte Conja, "da ziehst du schon seit Jahren durch die Lande, ungeachtet Hunger und Frost, nur um den Reif seinem rechtmäßigen Besitzer zu bringen; und kaum hast du den gefunden, sperren sie dich zum Dank dafür ein!"
   "Schlimmer noch", erwiderte der Narr, aber seine Stimme blieb ruhig, "sie werden uns hängen dafür, denn der Lord ad Cariljar wird sich gewiß nicht die Mühe machen, uns anzuhören. Selbst wenn, so wird er uns sicher nicht glauben."
   Dann zog er seine Glöckchen hervor und begann zu spielen, wie er es gelernt hatte. Conja aber lief rastlos in dem kleinen Raum umher, da er um sein junges Leben fürchtete.
   Am nächsten Morgen aber ließ der Lord den Narren zu sich rufen, und als er da sah, daß er einen Narren vor sich hatte, fragte er ihn:
   "Nun also, Narr, sage mir, wer von euch den Reif gestohlen hat. Wenn du es warst, so soll der Junge frei gehen, und du wirst als Dieb an den Galgen kommen. Wenn du es aber nicht warst, gleich wer es war, dann soll der Junge sterben. Sage mir, was wird ein Narr in dieser Lage antworten?"
   "Ein Narr wird schweigen", erwiderte Lusvin, "denn lügen darf er nicht, und doch muß er alles tun, um zu verhindern, daß einem Unschuldigen ein Leid zugefügt wird."
   "So ist das", sagte der Lord, und in seinen Augen blitzte es, denn er wußte schon eine weitere Frage, um den Narren in die Enge zu treiben: denn immer schon war es ihm seltsam vorgekommen, wie manche der Kraft der Lüge so entschlossen entsagen konnten. "Was aber sagst du, wenn ich dir verspreche, wenn du schweigst, so kommt der Junge gleichfalls an den Galgen?"
   Lusvin überlegte lange, denn er zweifelte nicht daran, daß der Lord seine Worte wahr machen würde.
   "Das Gebot, das mir als oberstes erscheint", antwortete er schließlich, "fordert mich, meinem Gewissen stets zu folgen. Mein Gewissen aber sagt mir, daß der Junge, so er unschuldig ist, nicht sterben darf."
   "So weißt du nicht einmal, ob der Junge unschuldig ist?" fragte der Lord verwundert.
   "Recht ist's, das weiß ich nicht", bestätigte der Narr. "Und so werd' ich lügen und Euch sagen, ich hätt' den Reif genommen, allein daß ihr den Jungen gehen laßt, wenn es denn keinen anderen Weg gibt."
   Da aber ließ der Lord den Narren zurück in den Kerker bringen und sagte ihm, daß er ihn erst am Abend fragen werde.
   "Was nun hat der Lord von dir gewollt?" fragte Conja, der sichtlich erleichtert war, daß man den Narren wohlbehalten zurückgebracht hatte.
   Lusvin wollte erst gar nicht antworten, aber da ihn Conja ein zweites Mal fragte, mußte er ihm schließlich doch die Wahrheit sagen.
   "Ach, Conja", erklärte er also, "der Lord will dich töten, wenn ich nicht sage, daß ich den Reif gestohlen hab'. So aber müßt' ich lügen, und dann die Strafe des Narren tragen."
   "Was also willst du tun?" fragte der Junge.
   "Ich werde lügen", antwortete der Narr, und dann schwiegen sie beide, bis des Abends die Diener kamen, Lusvin erneut vor den Lord zu führen.
   "Nun", so sprach der Lord, "wie hast du dich entschieden, Narr?"
   "Fragt mich", erwiderte Lusvin, "so werd' ich Euch antworten."
   Und so fragte der Lord: "Hast du den Silberreif gestohlen, Narr?"
   Da wollte Lusvin gerade antworten, da rief eine Stimme hinter ihm laut "Halt!", und er wandte sich nach ihr um. Hinter ihm stand Liesliann, die Tochter des Lords, und sprach: "Ich, Vater, habe den Silberreif gestohlen."
   "Du lügst, Tochter, warum willst du ihn schützen?" rief der Lord. "Wohl kaum würdest du dein eigenes Schmuckstück stehlen!"
   Doch Lusvin erkannte wohl, daß sie die Wahrheit sprach.
   "Ich ließ den silbernen Reif dem Narren bringen, Vater", erklärte sie, "denn ich sah ihn einst auf dem Markte einer fernen Stadt, er aber wollte meine Liebe nicht erhören! Nun aber hat er den Reif zurückgebracht, und, Vater, Ihr solltet ihn dafür belohnen; wenn Ihr nun ihm mich zur Frau gebt, so kann er es nicht verweigern!"
   Der Lord verstand wohl, was seine Tochter wollte, und er nickte bedächtig. Lusvin aber glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. "Eher schon sterb' ich!" dachte er sich, aber er wußte schon, es besser nicht zu sagen. Statt dessen erklärte er, so ruhig er konnte, daß es ihm als Narren verwehrt war, eine Frau zu nehmen.
   Das wollte Liesliann wohl nicht hören, der Lord aber hatte es gehört und bot dem Narren wohl Reichtum und Macht, wenn er sie zur Frau nähme; sollte er sich aber noch länger weigern, wären sie dort wieder angelangt wie zuvor, und der Narr würde hängen.
   So bat sich Lusvin eine Nacht Bedenkzeit aus; die aber nutzte er wohl, denn er erzählte dem Jungen, was vorgefallen war.
   "Es ist wohl schade für dich, daß du sie als Narr nicht lieben darfst", meinte Conja, denn Liesliann war hübsch und reich und wohl ein großes Glück für jeden, der sie haben durfte. "Wie gern wollte ich sie zur Frau haben! Aber mich würde sie nie beachten; bin ja nichts als ein Sohn armer Eltern."
   "Du würdest sie wollen, Conja?" fragte Lusvin nach, denn er gönnte dem Jungen die Tochter des Lords wohl, und er hatte einen Plan.
   Als Conja bejahte, wußte der Narr, daß es die beste Lösung war.
   So trat er vor den Lord ad Cariljar und ließ auch all dessen Diener herbeirufen.
   "So habe ich entschieden", begann er, "und ich wünsche, daß ein Vertrag darüber aufgesetzt wird: derjenige, der den Silberreif zurückbrachte, soll die Lady Liesliann zur Frau bekommen und obendrein Reichtum und Macht!"
   Und die glückliche Liesliann drängte darauf, daß der Vertrag geschrieben wurde, und unterzeichnete ihn sogar als erste.
   "Nun hört mich an, den Narren, der nicht lügen darf", fuhr Lusvin fort. "Ich habe den Silberreif besessen und durch die Lande getragen auf der Suche nach dem rechten Besitzer; zurückgebracht aber hat ihn Conja, der als einziger das Wappen erkannte! Und da es hier geschrieben steht, soll Conja nun der Mann der Lady werden, und all den Reichtum des Lords einmal erben; es ist die Wahrheit, der Narr hat nicht gelogen!"
   Da gab es natürlich ein großes Geschrei, und die Lady fühlte sich gar übel getäuscht und belogen. Doch ihrem Vater war es schon recht, daß sie den jungen Conja zum Manne nehmen mußte, denn der schien ihm ein ehrlicher Junge zu sein, wohingegen er dem Narr noch immer nicht trauen wollte; denn wie konnte einer, der der Lüge entsagte, Weisheit sprechen?
   Nun, so waren sie alle glücklich, bis auf die Lady vielleicht: doch Verlierer wird es immer geben. Schließlich war sie es gewesen, die das falsche Spiel begonnen hatte, und Lüge zahlt sich niemals aus; allein in ihrem eigenen Spiel hatte Lusvin sie geschlagen.
   Der Narr also wanderte weiterhin durch die Lande, und vielerorts erzählte er die merkwürdige Geschichte von dem Silberreif. Sein Glück aber mußte er nicht mehr suchen, das hatte er jetzt gefunden und endlich erkannt, wo er es doch so lange schon besessen hatte: das war die Narrenfreiheit.




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