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Aus dem Narrenzyklus:

Die Legende vom Kupfertag

oder: Das Leben eines Narren

Eine Kupfermünze ist eine Kupfermünze. Niemand würde das bestreiten wollen, ja viele würden sich nicht einmal die Mühe machen, ein zu Boden gefallenes Kupferstück wieder aufzuheben. Was ist ein Kupferstück schon wert in einer Zeit, in der selbst das Brot Silber kostet.
   In dieser Geschichte aber geht es um eine Kupfermünze, deren Wert mit Gold nicht aufzuwiegen war, denn ohne diese Kupfermünze hätte Jeshka sein Leben verloren.

   Es waren die Jahre des Frostes, selbst zur Erntezeit war es nicht warm geworden. König Rasmuel führte das Land, und bald jeden Tag standen Scharen von Bauern vor den Toren des Palastes und verlangten Einlaß, denn sie wollten den König bitten, daß er ihnen die Abgaben erließe, so sie doch kaum genug zum Leben hatten. König Rasmuel erhörte sie nicht, er wies seine Wachen an, die Tore geschlossen zu halten und die Bauern zu vertreiben. Der König aber hatte einen Narren am Hofe: Jeshka.
   Jeshka war einer von denen, die die Schatten kannten. In seinen grünen Augen blitzte das Wissen der Katzen, und gleich einer Katze wußte er unbemerkt den Palast zu verlassen und ebenso unbemerkt zurückzukehren, selbst wenn es bedeutete, im Schutz der hohen Nadelbäume an den steilen Mauern des südlichen Turmes emporzuklettern. Oft schon hatte Jeshka sich so davonstehlen können. In den ersten Stunden des Abends war er stets zurück gewesen: denn am Abend pflegte der König im großen Saal die Pläne für den neuen Tag zu fassen, und nie tat er das ohne seinen Narren. So ahnte niemand, was Jeshka tagsüber trieb, und kein Geräusch verriet ihn, wenn er wieder einmal während der morgendlichen Parade an den Wachsoldaten vorbeischlich, wie nie eine Katze zu hören sein wird, gleich wie viele Glöckchen sie um ihren Hals tragen mag.
   Es geschah am zweiten Tag des Erntemonds. Wieder einmal hatten die Bauern vergeblich seit dem Morgengrauen vor den Mauern des Palastes ausgeharrt, nur um wiederum fortgejagt zu werden, kaum daß die Sonne den Horizont überstiegen hatte. Doch diesmal folgte ihnen ein grauer Schatten mit grünen Katzenaugen, und die kupfernen Schellen an seinem Umhang schwiegen stille. Auf dem Marktplatz dann, wo die Bauern sich versammelten, sprang er mitten unter sie und stieg auf den Rand des Brunnens, der in der Mitte des Platzes stand. Aus einer seiner vielen Taschen zog er eine Münze, kupfern wie die Narrenschellen, hielt sie hoch und rief:
   "Seht her, Bauern dieses Landes, die ihr fürchtet, bald Hunger zu leiden!" Rot wie die aufgehende Sonne leuchtete die Münze in der Hand des Narren. "Sagt mir, was seht ihr hier?"
   Sie sahen zu ihm auf und lachten.
   "Bist du nicht Jeshka, der Narr?" fragte einer. "Willst du mit dem Kupferstück da unsere Steuern zahlen? Verspotte uns nicht, oder willst du hungrige Wölfe aufhetzen!"
   Jeshka verbarg die Münze in seiner linken Hand, warf den Kopf in den Nacken und heulte wie ein hungriger Wolf. Es war seine Pflicht, sie zu verlachen, wenn sie ihm doch sonst nicht zuhörten.
   "Wage es nicht!" brüllte der Bauer und hob drohend die Faust, aber einer der anderen hielt ihn zurück.
   "Laß ihn, Hanuz. Er ist ein Narr, siehst du es nicht?" Und wieder lachten sie, aber es war das Lachen der Verzweiflung, denn nicht einem von ihnen stand der Sinn nach Späßen.
   "Nein, hört mir zu", flüsterte Jeshka, und mit einem Mal waren sie alle still. "Einer von euch soll diese Münze haben. Wer sie aufhebt, soll nie mehr Hunger leiden müssen, in diesem Jahr nicht, und nicht in den folgenden. Im Gegenteil, Reichtum soll die Schwelle seines Hauses überschreiten und dort Einzug halten, wo nun das letzte trockene Stück Brot die hungrigen Mäuler nicht mehr ernähren kann."
   Er hielt die Münze wieder hoch, und das Sonnenlicht fing sich auf dem blanken Kupfer und warf rote Lichter über den dunklen Stein des Brunnens.
   "Denn eines will ich euch sagen", fügte er hinzu, leiser noch. "Dieses ist Kupfer, aber nicht Gold noch Silber können euch ernähren, so es nicht das Gold des Weizens und das Silber des Hafers ist. Dieses ist Kupfer, aber ---"
   "Was willst du, Narr?" unterbrach ihn Hanuz mit lauter Stimme. "Sollen wir denn Kupfer fressen?"
   Sie lachten nicht, denn sie wollten hören, was der Narr zu sagen hatte. Aber Jeshka sprach nicht weiter.
   "Ja, meinetwegen freßt Kupfer!" rief er statt dessen. "Ihr werdet nicht daran ersticken!"
   Mit elegantem Schwung warf er die Münze in den Himmel, so hoch, daß die meisten der Bauern ihm längst den Rücken zugekehrt hatten, als sie den kalten Boden traf. Dann wandte der Narr sich um und wollte den Platz verlassen, aber jemand trat ihm in den Weg.
   Ein langer dunkler Mantel verhüllte seine Gestalt, aber Jeshka erkannte den König wohl.
   "Was höre ich da, Narr?" fragte er zornig. "Warum verspricht Er, was niemand halten kann?"
   "Ihr könntet schon, mein König", gab der Narr zurück, denn ein Narr darf wider seinen König sprechen. "Ihr könntet, wenn Ihr wolltet."
   Aber was kümmert es den König, was der Narr darf. "Schweig Er still!" befahl der Herrscher, und Jeshka schwieg. Mit gesenktem Kopf folgte er dem König zurück in den Palast. Er wußte, die Bauern waren die wahren Narren, der König selbst war ein Narr.
   Denn auf dem Marktplatz lag unbeachtet die kleine Kupfermünze, die bald so viel wert sein sollte wie das Leben eines Narren.

   Traurig klangen die Schellen, als die Wachen des Königs den Narren fortbrachten, denn der König hatte befohlen, Jeshka in den südlichen Turm zu sperren. Auch wies er sie an, das Fenster mit Brettern zu vernageln, daß nicht einmal eine Katze den Weg ins Freie finden konnte. Im Dunkeln sollte er sitzen, der Narr, und darüber nachdenken, ob es rechtens war, etwas zu versprechen, das der König nicht halten wollte. Denn wenn ein Narr etwas verspricht, so spricht er stets im Namen des Königs. Am Himmel stieg die Sonne hoch und höher, aber nirgends vermochten ihre Strahlen den kalten Boden zu erwärmen. Nur dort, wo die Münze lag, erreichte die Wärme den dunklen Stein.
   Derweil wartete Jeshka in der Finsternis, daß der Tag zu Ende ging, denn er hoffte, daß der König ihn zur abendlichen Konferenz holen ließe. Damit ihm die Zeit nicht zu lang wurde, zog er unter dem Umhang sein Glockenspiel hervor, aber er vermochte den Glöckchen keine fröhlichen Lieder zu entlocken. Seine Gedanken nämlich waren bei der Kupfermünze, und er fragte sich, was er wohl tun würde, wenn sie jemand fand. Denn dann galt das Versprechen, das er gegeben hatte, und er mußte dafür sorgen, daß es erfüllt wurde.
   Doch bei Sonnenuntergang lag die Münze noch immer dort, wohin sie gefallen war. Ihr leuchtendes Rot stand der Pracht der untergehenden Sonne in nichts nach, und doch befand sie keiner derer, die sie sahen, für wertvoll genug, um sich danach zu bücken. Und bei Sonnenuntergang wartete der Narr noch immer im finsteren südlichen Turm, aber niemand kam, ihn zu holen.
   So brach die Nacht herein, und die Katze war gefangen.

   In der abendlichen Konferenz ward beschlossen, daß der Narr gefangen bleiben solle, bis sich jemand fand, der ihn freikaufte: diesem dann sollte er gehören und dienen. Auch den Preis setzte der König fest, und zwar benannte er eben jene Kupfermünze; und als Frist setzte er die letzte Stunde des folgenden Tages. Fand sich bis dahin niemand, der den geforderten Preis zahlen mochte, so mußte der Narr sterben. Und wer dann die Münze sein eigen nennen konnte, sollte nie mehr Hunger leiden, vielmehr sollte Reichtum in dessen Hause Einzug halten, so wie es versprochen war. So wurde es festgeschrieben und erstmals verkündet zur blauen Stunde des nächsten Morgens.
   So herrschte bald ein reges Treiben auf dem Marktplatz, denn ein jeder wollte dort die Münze finden. Diese aber war längst fort, geholt schon in der Nacht und gebracht in das Haus des Bauern Hanuz.

   Jeshka erwachte im südlichen Turm mit der aufgehenden Sonne. Ein Diener des Königs verlas ihm durch die geschlossene Tür das Urteil, und mit geschlossenen Augen hörte der Narr zu, ohnmächtig in seiner Finsternis. Das Glockenspiel blieb still an jenem Tag, wenngleich niemand es vermißte, nicht einmal der König selbst, den der fröhliche Klang der Glöckchen sonst täglich erfreut hatte.
   Denn welch eine Hoffnung sollte Jeshka haben? Wer immer die Münze haben mochte, wohl niemand würde sie hergeben, wenn ihr Besitz ihm Reichtum versprach. Und so es doch jemanden gab, der die Münze geben würde für das Leben eines Narren, was wäre Jeshkas Leben wert? Wie sollte ein Narr Diener sein?
   Nein, gleichwie: der Narr würde sterben. Vielleicht mochte Jeshka am Leben bleiben, doch der Narr würde sterben.

   Auf dem Hof des Bauern Hanuz stand eine alte Bank aus schwerem Holz; dort saß Hakan, des Bauern Hanuz Sohn, und drehte die kupferne Münze in seinen Händen, so daß sie das Licht der Sonne fing. Er hatte sie gefunden in der Nacht, als er im Licht des Mondes über den Marktplatz ging, wie er es oft tat, denn er war gern allein. Das Mondlicht hatte auf dem dunklen Stein die Münze rot schimmern lassen, und so hatte er sich gebückt, um sie aufzuheben; hatte sie dann so vorsichtig gehalten, als sei sie zart und zerbrechlich und nicht aus hartem Kupfer. Schließlich hatte er sie in seine Tasche gesteckt und mit nach Hause genommen, und als er am nächsten Morgen erwachte, hatte er sie vergessen. Bis dann der Bote des Königs verkündet hatte, was geschehen sollte.
   Nun also besaß Hakan die Münze, und er wußte nicht, was er tun sollte. Die Jahre des Frostes waren hart, und seine Familie war arm: und hieß es nicht, wer die Münze hatte, sollte nie mehr Hunger leiden? Aber Hakan kannte Jeshka, und er mochte den Narren: wie könnte er ihn sterben lassen, war doch der Preis für sein Leben nicht mehr als ein Kupferstück? Es war bald Mittag; so blieben nicht mehr allzu viele Stunden bis Sonnenuntergang. Niemals Zeit genug, um eine solche Entscheidung zu fällen.

   Auf dem Marktplatz versammelten sich die Bauern, denn ein jeder wollte wissen, wer die Münze gefunden hatte. Viele boten große Teile ihres Besitzes für die kleine Münze, und wie am Markttag schrien sie wild durcheinander, ein jeder bemüht, das beste Gebot zu nennen, doch wollten sie heute kaufen und nicht verkaufen. So hätte man an jenem Tag für ein Kupferstück mehr bekommen als für Gold und Silber.
   In lauten Rufen überboten sie sich gegenseitig, doch niemand wußte ja, wer die Münze hatte. Am lautesten schrie der Bauer Hanuz, dessen Sohn das Leben des Narren gerade in seinen Händen hielt.

   Es wurde Nachmittag, und noch immer schwieg das Glockenspiel. Jeshka hatte es aufgegeben, einen Ausweg zu finden; er würde sein Schicksal ruhig ertragen. Eine Katze in der Falle, nie würde sie ihren Stolz verlieren.

   Hakan stand vor dem südlichen Turm und sah nachdenklich hinauf, derweil die Schatten länger wurden. Dort oben also hielten sie den Narren gefangen, würden ihn nicht freigeben, so sich nicht jemand fand, der Reichtum verschenken wollte für ihn. Doch Hakan, er wollte schon, aber er begriff, daß Jeshka auch dann nicht frei sein würde. Sollte der Narr denn niemals wieder frei sein?
   So verstrich die Zeit, während Hakan, die kleine Kupfermünze fest in der Hand, verzweifelt eine Antwort auf diese so schwierige Frage suchte. Die Münze machte ihn zum Richter über etwas, über das er niemals richten wollte: die Freiheit, das Leben eines anderen. Sicher, er hätte die Münze einem anderen überlassen können, die Münze und somit die Entscheidung, nur wußte er zu gut, wie jeder andere entscheiden würde. Also ging der Tag zu Ende, ohne daß eine Lösung gefunden war.
   Doch dann, als die letzten Strahlen der Sonne die Erde erreichten, wußte der Sohn des Bauern Hanuz, was er tun würde.

   Jeshka im Turm sah nicht, daß es langsam dunkler wurde. Das vernagelte Fenster schenkte ihm weder Licht noch Hoffnung. Aber es war egal nun, und er wußte, daß es richtig war: er hatte einem der Bauern Reichtum versprochen, und das Versprechen würde sich erfüllen, die Worte würden nicht zu einer Lüge werden. So war es gleich, was geschah, und ruhig, wie nur die wissende Katze ruhig sein kann, zog er abermals sein Glockenspiel hervor und ließ die Glöckchen klingen. Sie spielten den Narrentanz, und so zerbrach die Dunkelheit in ihm; und als Hakan unten das bekannte Lied hörte, wußte er, daß seine Entscheidung richtig war.

   Die letzte Stunde des Tages brach an, die Sonne war bereits untergegangen und der Himmel von tiefem Grau, weshalb man jene Stunde die Graue Stunde heißt. Der König wartete im großen Saal, daß jemand kam, den Narren freizukaufen: doch glaubte er nicht, daß sich jemand finden würde. Wer würde dumm genug sein, Reichtum zu verschenken für das Leben eines Narren?
   Doch die schwere Tür wurde geöffnet, und zwei Diener führten einen jungen Mann herein und stellten ihn als den Sohn des Bauern Hanuz vor. Dann ließen sie ihn mit dem König allein.
   "Wie ist dein Name, Junge?" fragte der König, aber es interessierte ihn nicht wirklich; vielmehr suchte er zu verstehen, warum dieser junge Mann --- so er denn die Münze hatte --- den Narren wollte und nicht all das Geld, das ihm geboten war.
   Hakan nannte seinen Namen, und er wagte es, den König anzusehen.
   "So", sagte der König, "Hakan. Und weshalb nun bist du hier?"
   "Ich habe die Münze", erklärte Hakan und zog das kleine Kupferstück hervor.
   Der König lachte. "Du bist der Sohn des Bauern Hanuz, der kaum das Geld hat, seine Familie zu ernähren. Willst du also den Narren freikaufen?"
   Hakan sah den König unverwandt und forderte mit fester Stimme: "Ich will den Narren sehen, bevor ich ihn kaufe. Unter uns Bauern ist es üblich, die Ware vorher zu begutachten, oder glaubt Ihr, ich wollte die Katze im Sack kaufen?"
   Einen Moment lang war es still, dann erwiderte der König ruhig: "Das sind gewagte Worte wider deinen König, Hakan. Du sprichst fast wie ein Narr. Aber gut, du sollst ihn sehen: und überlege dir wohl, was du dann tust. Kaufst du ihn frei, so stürzt du deine ganze Familie ins Unglück. Den Preis ist sein Leben nicht wert."
   "Das weiß ich erst, wenn ich ihn gesehen habe", widersprach Hakan.
   So rief der König seine Diener und ließ den Sohn des Bauern Hanuz in den südlichen Turm bringen, vor die verschlossene Tür zum Käfig der Katze.

   Jeshka erhob sich, als er die Schritte hörte, und sah durch das winzige vergitterte Fenster in der hölzernen Tür, daß sie Hakan brachten, den Sohn des übellaunigen Bauern Hanuz. Hakan, der --- so schien es --- hier war, um die Kupfermünze einzutauschen gegen ihn, den Narren.
   "Laßt mich einen Augenblick zu ihm hinein", verlangte Hakan, und da es nichts gab, was dem widersprach, folgten die Diener und öffneten die schwere Tür.
   "Was willst du", fragte Jeshka mit leiser Stimme. "Du solltest gehen, Hakan, wenn du morgen früh die Münze noch hast, müßt ihr niemals mehr Hunger leiden."
   Aber Hakan trat an ihm vorbei in den Raum, während die Diener die Tür hinter ihm schlossen und so von neuem Finsternis den Raum erfüllte. Er trat an das vernagelte Fenster und fuhr in Gedanken mit den Fingern über das rauhe Holz, bevor er sich zu Jeshka umwandte und ihm antwortete.
   "Ich will das Lied von Euch hören, Narr", sagte Hakan. "Laßt die Glöckchen klingen und tanzt dazu, vielleicht weiß ich dann, was zu tun ist."
   So erklang in der Finsternis einmal mehr der Tanz des Narren, und die kupfernen Schellen klangen im Tanze wie die Glöckchen des Glockenspiels, wie eine kupferne Münze, die im Dunkeln zu Boden fällt.

   Als die graue Stunde vorüber war und die Nacht begann, waren viele der Bauern vor den Toren des Palastes versammelt, denn sie wollten wissen, ob jemand Jeshka das Leben schenkte; auch Hanuz war unter ihnen. Der König ließ sie hereinrufen, und so betraten sie alle den großen Saal und bildeten dort einen Kreis. In dessen Mitte standen der König und Hakan, und als es still geworden war und alle aufmerksam warteten, was geschehen würde, ergriff der König das Wort.
   "Wir sind hier, um zu sehen, ob es jemanden gibt, der ein Kupferstück, das Reichtum hält, verschenken will. --- Bringt den Narren!"
   Zwei der Diener verließen den Saal und kehrten kurze Zeit später zurück, Jeshka, der nicht einmal den Kopf hob, zwischen ihnen.
   "Hier bei uns steht Hakan, der Sohn des Bauern Hanuz", fuhr der König fort, "vielleicht will er den Narren kaufen!"
   Hakan aber kam nicht dazu, etwas zu sagen, denn die Menge wurde laut, da sie nun sahen, wer das Kupferstück wohl hatte. Am lautesten wiederum war der Bauer Hanuz.
   "Wenn du die Münze hast, Hakan", schrie er, "wenn du dieses verfluchte Kupferstück hast und dafür diesen Narren kaufst, dann bist du nicht länger mein Sohn!"
   "Ich habe die Münze nicht", flüsterte Hakan, und doch hörte es ein jeder.
   Sofort war es still.
   "So wagst du es, wider deinen König zu reden, doch nicht wider deinen Vater?" fragte der König gefährlich leise.
   Da war nicht einer im Saal, der auch nur wagte, laut zu atmen. Selbst Hanuz schwieg, was niemand von ihm kannte.
   Schließlich war es Jeshka, der die Stille brach.
   "Er spricht die Wahrheit, er hat die Münze nicht. Er hat sie nicht, so wird er mich nicht kaufen."
   "Wer hat sie denn?" fragte der König spitz, obwohl er es längst wußte. "Ist nun jemand hier", rief er dann, "der den Narren kaufen will? Er hebe die rechte Hand und halte die Münze hoch!"
   Die Bauern standen schweigend und schauten, wie der König und seine Diener, wer die Münze heben würde. Hakan aber sah zu Boden, denn er ahnte, was geschehen würde.
   Leise klingelten die Schellen, als Jeshka die Hand hob, und die Lichter des Palastes fingen sich auf dem blanken Kupfer und ließen die Münze rot funkeln.

   Mit geschlossenen Augen vernahm Hakan nun, was der König zu sagen hatte. Jedes Wort davon drang zu ihm wie aus weiter Ferne, denn er war nicht länger er selbst, nicht länger der Sohn eines Bauern, hatte er doch Reichtum und alles verschenkt, als er dem Narren die Münze gab.
   "Wie wir versprachen", sagte der König, "daß der Narr dem, der für ihn die Münze gibt, gehören und dienen muß, so soll es geschehen. Da du, Jeshka, selbst den Preis zahltest, seist du nun frei und sollst niemandem gehören als dir selbst." So war es gesprochen, so würde es geschehen, denn ein König bricht sein Wort nicht, noch das seines Narren.
   "Die Familie des Bauern Hanuz aber", sprach der König weiter, "dessen Sohn Hakan ist, der die Münze fand, muß weiter Hunger leiden. Es sei denn ---", er machte eine wohlüberlegte Pause, "--- es sei denn, Hakan, der gezeigt hat, daß er ein wahrer Narr ist, verläßt den Hof seines Vaters und wird Narr am Hofe des Königs. Wir würden für ihn zahlen, was wir für die Münze versprachen: so würde der Bauer Hanuz wohl einen Sohn verlieren, doch auf immer Geld genug haben, seine Familie zu ernähren, und mehr als das."
   Ja, Hakan hatte es gewußt, und er verstand es, so wie er verstand, daß sein Vater keinen Moment zögerte, ihn an den König zu verkaufen. So wurde Hakan der Narr am Hofe des Königs, und er war dem König ein guter Narr. Stets wagte er, dem König zu widersprechen, da ein Hofnarr wider seinen König sprechen darf, ja sogar muß, und nicht selten hörte der König auf ihn und folgte seinem Rat.

   Jeshka aber, die Katze, war von Stund an frei und blieb doch Narr. Mit seinen Glöckchen zog er durch die Länder und erzählte die Legende vom Tag, an dem er mit nichts als einem Kupferstück seine Freiheit erkaufen konnte: diesen Tag hieß man von da an Kupfertag und feiert ihn heute noch am dritten Tag des Erntemonds als Fest der Narren und Spielleute.
   So erklärt es sich auch, daß ein freier Narr stets eine Kupfermünze bei sich trägt, wie auch Jeshka stets die Münze trug, die sein Leben kaufte und die der König ihm schenkte, wie er ihm auch die Freiheit schenkte. Denn diese Kupfermünze der Narren ist Zeichen der Freiheit, und wenn für manchen eine Kupfermünze nur eine Kupfermünze ist, so sollte er doch stets daran denken, daß sie für einen Narren ein Leben bedeuten kann.



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