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Aus dem Narrenzyklus:

Als Fárinan für einen Tag König war

Zur Zeit des Königs Rorard -- das war eine Zeit, da gab es noch Síor Callÿn, und die Pferde, die man ritt, wurden noch wild gefangen – gab es einen Narren am Hofe, das war Fárinan. Von diesem lustigen Burschen erzählt man sich so manche Geschichte. Die bekannteste ist sicher die von dem Tag, an dem Fárinan König war. Das kam so:
   Es war eines Abends nach der alltäglichen Konferenz, die wie gewohnt zur grauen Stunde stattfand. An diesem Abend hatte der König viele schwere Entscheidungen zu treffen, denn es waren die Jahre des Windes, und die Leute hatten Angst. Wie es üblich war, stand Fárinan, der trotz seiner Jugend manchen an Weisheit übertraf, ihm dabei zur Seite, doch der König war ein guter König, und selten nur mußte Fárinan ihn von einer Entscheidung abbringen.
   Als dann die Minister den Saal verlassen hatten und der König mit seinem Narren allein war, stand der König auf und begann, in weiten Kreisen um den Tisch zu laufen. Die Arme hielt er dabei auf dem Rücken verschränkt, und er blickte zu Boden; es schien, als denke er angestrengt nach.
   Vor dem Tisch, auf dem Fárinan saß, blieb der König schließlich stehen, hob den Kopf und sah den Narren an.
   "Ach, Fárinan", seufzte er, "wie schön wäre es doch, ein Narr zu sein! Den ganzen Tag kann Er fröhlich sein und Musik machen und Geschichten erzählen oder auch einfach nichts tun, während sein König sich quält, die Entscheidungen für ein ganzes Volk zu treffen! Wie schön wäre es, singend durch die Felder zu laufen, niemand, der einen beachtet! Wie schön, ein Narr zu sein!"
   Fárinan sah den König einen Augenblick lächelnd an, dann aber wurde seine Miene ernst, und er erwiderte leise:
   "So einfach ist das nicht, mein König."
   Dann glitt er vom Tisch herab und begann, wie der König zuvor, in weiten Kreisen darum herum zu laufen. Mit auf dem Rücken verschränkten Armen und finsterer Leidensmiene sprach er:
   "Ach, Majestät, wie schön wäre es doch, ein König zu sein! Den ganzen Tag könnt Ihr fröhlich sein, müßt Ihr doch nicht arbeiten und habt doch immer genug Geld! Nur dem Volke sich präsentieren und ab und zu ein bißchen das Land regieren, wie schön wäre das! Auf dem Balkon des Palastes würde man stehen und auf die Bauern herab sehen, und jeder, jeder beachtet einen! Wie schön, ein König zu sein!"
   Der König lachte, denn eigentlich war er ein sehr fröhlicher König.
   "So meint Er wohl, es sei leichter, König zu sein als Hofnarr?" fragte er dann.
   Der Narr grinste und nahm seinen Platz auf dem Tisch wieder ein.
   "So meint Ihr wohl, es sei leichter, Hofnarr zu sein als König?" gab er zurück, wobei er sich bemühte, die Stimme des Königs so gut wie möglich nachzuahmen.
   Lächelnd wandte der König sich ab und trat ans Fenster. Eine Weile sah er hinaus in die Dunkelheit, denn längst hatte die Sonne ihren Platz mit dem Mond getauscht und würde ihn erst am Morgen zurückerhalten.
   "Nun gut", sagte der König schließlich und trat erneut an Fárinan heran, der immer noch auf dem Tisch saß. "Wir werden es herausfinden. Von morgen früh an bis zur grauen Stunde sei Er König, und sein König wird den Platz eines Narren einnehmen."
   "Abgemacht", erwiderte der Narr kichernd, "mit einem Unterschied. Nicht von morgen früh an werden wir die Rollen tauschen, sondern von jetzt an!"
   Rasch griff er nach der Krone des Königs und setzte sie sich selbst auf. Dann stellte er sich auf den Tisch, sah von dort auf den König herab und wies schließlich mit ausgestrecktem Arm in herrischer Geste auf die Tür.
   "Nun geh' Er schlafen, die Konferenz ist längst beendet!" rief er.
   Der König zögerte nicht lange, da er Spaß verstand; so machte er sich auf zum Zimmer des Narren. Fárinan aber hüpfte fröhlich vom Tisch und schritt dann mit würdevollen Schritten davon, denn heute nacht würde er im königlichen Bette schlafen.

   Zufrieden machte der König es sich im Zimmer des Narren gemütlich. Er zog den mit Stroh gefüllten Sack unter das Fenster, legte sich darauf und deckte sich mit der bunten Decke zu, glücklich, endlich einmal wie ein einfacher Mann schlafen zu dürfen.
   Bald aber mußte er feststellen, daß er nicht schlafen konnte. Das Stroh in dem Sack piekste und zwickte ihn, und durch das undichte Fenster zog es so sehr, daß die dünne Decke ihn kaum wärmen konnte. Zudem war der Sack zu kurz, um ganz darauf zu liegen, und so drehte der König sich viele Male hin und her, bevor er endlich schlafen konnte.
   "Aber was soll's", dachte er sich, "die eine Nacht nur, morgen werde ich wieder in meinem weichen Bette liegen."

   Fárinan indes hatte einige Mühe gehabt, den Dienern des Königs zu erklären, was vorging. Schließlich aber glaubten sie ihm, denn er war nun mal ein Narr, und diese hatten mitunter etwas wunderliche Einfälle. Und da sie wußten, daß ihr König einen solchen Scherz mitmachen würde, hatten sie keinen Grund, ihm nicht zu glauben.
   Dann endlich lag der Narr im großen, weichen Bett des Königs. Es war ein weiter Weg gewesen bis dahin; ständig hatten die Diener ihn gefragt, ob er noch irgend etwas brauchte, nichts hatten sie ihn selbst tun lassen. Selbst beim Auskleiden hatten sie ihm geholfen.
   Und nun, da er schlafen wollte, waren sie immer noch da!
   "Was wollt ihr denn noch, kann ich jetzt nicht endlich schlafen?"
   Die Diener kicherten, als Fárinan ihnen aber einen warnenden Blick zuwarf, waren sie still.
   "Wenn Seine Majestät es wünscht, werden wir nun gehen", sagte einer, nicht ganz ohne Spott.
   "Ich wünsche nicht, ich befehle", erwiderte Fárinan gefährlich leise, und da mußten sie ihm gehorchen.
   Endlich also war der Narr allein. Wie eine Katze rollte er sich im großen Bett des Königs zusammen und wollte schlafen. Doch auf der weichen Matratze wußte er gar nicht, wie er sich legen sollte; zudem waren da Geräusche von draußen, die ihn störten. So stand er schließlich wieder auf und ging zur Tür, um nachzusehen.
   Vor der Tür standen zwei Wachsoldaten, die sofort Haltung annahmen, als sie den König sahen.
   "Warum steht ihr hier?" fragte Fárinan, denn er hatte geglaubt, endlich allein zu sein. Dann aber kam ihm in den Sinn, daß sie ihn wohl des Nachts bewachen wollten, denn Wachsoldaten sind dazu da, das Leben des Königs zu schützen. Noch bevor sie antworten konnten, hatte er die Tür wieder geschlossen und sich wieder auf das große, weiche Bett gelegt.
   Da er aber glaubte, nicht schlafen zu können, so lang er sie vor seiner Tür wußte, ging er abermals hinaus, denn er hatte eine Idee, sie fortzuschicken.
   "Geht, bewacht den Narren", befahl er ihnen. "Los, tut, was ich euch sage! Und wehe, er bemerkt etwas davon!"
   Sie sahen sich kurz an, und achselzuckend, bemüht, nicht zu lachen, machten sie sich davon.
   Nun, da er seinen König sicher wußte, konnte Fárinan endlich schlafen.

   Der König erwachte früh am nächsten Morgen, da er fror, denn in der Nacht war es bitter kalt geworden. Er fühlte sich müde, und sein Rücken tat ihm weh von dem harten Stroh: da erinnerte er sich, daß er mit seinem Narren die Rollen getauscht hatte.
   "Nun", so sagte er sich, "dann wollen wir sehen, was wir zum Anziehen finden."
   Er wollte schon aus Gewohnheit nach seinen Dienern rufen, besann sich aber und ging selbst zu der einzigen Truhe hinüber, die in dem kleinen Zimmer stand.
   Darin fand er ein Narrenhemd aus grünem Leinenstoff, welches über und über mit kleinen Schellen besetzt war; außerdem lag dort ein Glockenspiel. Das Hemd zog er an und versuchte sich dann darin, den Glöckchen ein Lied zu entlocken. Doch brachte er nur solch schreckliche Klänge hervor, daß die Magd vom Hof herauf rief:
   "Sei still, du Narr! Kannst nicht einmal an einem so schönen Tag ein schönes Lied spielen?"
   Der König ließ die Glöckchen sinken und trat ans Fenster. Da unten stand die Magd und hob drohend die Faust nach ihm, denn sie wußte ja nicht, daß er der König war.

   Der Narr wiederum ärgerte sich, daß er schon im Morgengrauen aufstehen mußte. Sogleich war sein Zimmer wieder voller Diener, die ihm halfen, sich anzukleiden und zurecht zu machen. Fárinan wäre es ja recht gewesen, hätte er sein eigenes Hemd anziehen können und nur die Krone dazu aufsetzen, aber nein: es war der erste Tag des Monats, und so mußte der König sich zur zweiten Stunde auf dem Balkon des Palastes zeigen und die Wünsche und Beschwerden des Volkes entgegennehmen.
   So mußte Fárinan die ganze Garderobe des Königs anziehen; das Hemd und die Hose aus teurer Seide, so daß er gleich Angst hatte, einen Fleck hinein zu machen; dazu eine Weste aus dunklem Samt und schließlich den schweren pelzbesetzten samtenen Umhang. Und das, wo draußen die Sonne schien und es sicher ein warmer Tag werden würde! Ein Gutes aber hatte das: unter all der schweren Kleidung würde das Volk ihn, den Narren, sicher nicht erkennen, und für einen Tag lang wäre er wirklich König.

   Der wahre König indes war hungrig, und da ihm einfiel, daß der Narr selbst für sein Frühstück sorgte, machte er sich auf den Weg in die Stadt. Zwar hatte er das Glockenspiel dabei, doch wußte er, daß er es nicht würde spielen können. So machte er sich zunächst auf zum Brunnen, wo er sich niederließ und das Treiben auf dem Marktplatz beobachtete.
   Niemand beachtete ihn. Das gefiel ihm zunächst, doch mit der Zeit fragte er sich immer mehr, woher er etwas zu essen bekäme. Da lud direkt neben ihm ein Bauer Kisten voller Äpfel von seinem Wagen. Rot und glänzend waren die Früchte, und mit leuchtenden Augen, wie ein hungriger Wolf, sah der König zu.
   "Ich könnte Euch helfen", sagte er schließlich.
   Der Bauer sah kurz auf, dann lachte er.
   "Du?" fragte er spöttisch. "Mir helfen? Die Äpfel willst Du vielleicht stehlen, oder was!"
   "Nein, ich --" wollte der König widersprechen, doch der Bauer unterbrach ihn.
   "Ach, sei still!" schrie er, trat vor ihn, faßte ihn am Arm und wollte ihn schon von dem Brunnen ziehen. Doch einer der anderen hielt ihn zurück.
   "Hey, laß ihn doch!" rief dieser, "soll er zeigen, was er kann! Wenn er mit den Äpfeln jongliert, will ich ihm gerne einen kaufen!"
   Der Bauer ließ den König los und grunzte irgend etwas zwischen Zustimmung und Gleichgültigkeit. Dann warf er dem König drei Äpfel zu, die dieser zu fangen versuchte, doch zwei davon ließ er sogleich fallen, und als er sich nach ihnen bücken wollte, fiel ihm auch der dritte hinunter.
   "Die schönen Äpfel", stöhnte der Bauer. "Welch dummer Einfall, Jaron!"
   Jaron aber lachte über den vermeintlichen Narren, der verzweifelt versuchte, alle drei Äpfel aufzuheben und sie dann auch noch geschickt in die Luft zu werfen. Als er sie wieder fangen wollte, fielen sie erneut alle zu Boden. Hätte er nicht Narrenkleidung getragen, es wäre ein jämmerlicher Anblick gewesen. So aber war es, daß die Menge bald aufmerksam wurde, und belustigt standen bald wohl zwanzig Bauern um den Brunnen herum und lachten und schlugen sich vor Vergnügen auf die Schenkel.
   "Du wirst mir die Äpfel bezahlen, Narr!" tobte der Bauer.
   "Nun ruhig, Orjen", sagte Jaron, "ich zahl sie schon, jetzt sieh doch, wie lustig er ist! Nun aber, Narr", fuhr er fort und wandte sich an den König, "zeig uns, daß du richtig jonglieren kannst!"
   Aber das konnte der König ja nicht, so legte er rasch die Äpfel auf den Brunnenrand, murmelte eine Entschuldigung und verließ hastig, und immer noch hungrig, den Marktplatz.

   Fárinan war derweil in Begleitung der Minister, die nicht schlecht gestaunt hatten, als sie den Narren in der Kleidung des Königs erkannten, auf den Balkon hinaus getreten. Dort stand er nun und sah herab auf die Menge, die sich unten auf dem Hof versammelte.
   "Was soll ich ihnen sagen?" fragte er leise den Minister, der ihm am nächsten stand.
   "Nun", erwiderte dieser grinsend, "was Ihr ihnen immer sagt, Majestät."
   Fárinan wollte ihn schon zurechtweisen, doch die Menge wurde bereits unruhig.
   "Bürger von Ancallon", rief er deshalb und hob in geradezu königlicher Geste die Arme, "meine Freunde! Sagt, was kann ich heute für Euch tun?"
   Einen Augenblick lang war es unten still, und man sah überall verblüffte Gesichter. Dann aber ergriff einer von denen das Wort.
   "Wir haben kein Geld, König! Unsere Kinder haben Hunger!"
   "Ich werde mich darum kümmern", versprach Fárinan.
   "Wir haben Angst, König!" rief ein anderer. "Was ist mit den Schiffen, die wir sehen?"
   "Da ist nichts, was uns beunruhigen müßte", sagte Fárinan.
   "Was ist mit den Steuern, König? Wir zahlen zuviel, der Winter war hart!"
   "Ich werde mich darum kümmern", versprach der Narr wieder. Was sonst hätte er sagen sollen?
   Viele von denen dort unten ballten drohend die Fäuste.
   "Aber das sagt Ihr immer, König! Wann endlich geschieht etwas?!"
   Hilfesuchend schaute Fárinan zu den Ministern, die aber wichen seinem Blick aus und sahen in der Gegend umher.
   "Also gut"; sagte er schließlich, "also gut! Fünf von euch sollen heute abend bei der Konferenz anwesend sein, nun geht und schaut, daß ihr die fünf richtigen auswählt! Später dann sehen wir weiter."
   Elegant warf er sich dann herum und verließ erhobenen Hauptes den Balkon. Die Minister, die verwirrt und empört auf ihn einredeten, ignorierte er.

   Des Mittags kehrte der König in den Narrenkleidern auf den Marktplatz zurück. Noch immer quälte ihn Hunger, zwar hatte er den Vormittag damit zugebracht, im nahen Wald Beeren und Früchte zu sammeln, doch angesichts des vorangegangenen kalten Winters kaum etwas gefunden. Nun war er zurück in der Stadt, doch kaum daß er den Marktplatz betrat, hatte der Bauer Orjen ihn schon entdeckt.
   "Da ist er ja!", rief er laut und zeigte mit dem Finger auf den Narren, so daß alle sich nach ihm umdrehten. "Hey, habt ihr schon mal einen Narren gesehen, der nicht einmal zu jonglieren weiß?"
   Einer der anderen entdeckte das Glockenspiel am Gürtel des Narren und rief:
   "Spiel uns ein Lied, Kleiner!" --- "Ja, spiel uns ein Lied!" riefen auch die anderen.
   So mußte der König das Glockenspiel hervorziehen und ein Lied anstimmen. Doch wie schon am Morgen vermochte er auch jetzt den Glöckchen nur Mißklänge zu entlocken.
   "Hör auf, Narr, hör auf!"
   Doch der König hörte die Rufe nicht, so sehr war er damit beschäftigt, doch endlich Musik hervorzubringen. Schließlich griff der Bauer Orjen in eine seiner Kisten und warf einen Apfel nach ihm.
   Der König steckte das Glockenspiel weg und hob den Apfel auf. Er war alt und wurmstichig, nicht so schön wie die, mit denen er am Morgen hatte jonglieren sollen. Doch dem König erschien er verlockend und saftig, und da Orjen ihn anscheinend nicht mehr haben wollte, schien er doch ein gutes Mittagessen. Aber gerade als der König hineinbeißen wollte, sprang der Bauer Orjen mit einem Satz auf den Brunnenrand und schrie:
   "Da, seht, der Narr! Er hat meinen Apfel gestohlen, haltet den Dieb!"
   So war es wohl besser für den König, sich rasch davonzumachen, doch zwei kräftige Männer traten ihm in den Weg und hielten ihn fest.
   "Was also hast du dazu zu sagen, Narr?" fragte Orjen wütend.
   Hastig sah der König sich um, doch Jaron, der Orjen am Morgen beruhigt hatte, war nicht da.
   "Ich wollte nicht stehlen", versuchte er also, sich zu verteidigen. Doch die Bauern lachten nur.
   "Weißt du, was wir mit Dieben machen?" riefen sie und stellten sich drohend um ihn auf. "Weißt du das? Wir werden zum König gehen und deine Freigabe fordern, und dann --"
   "Aber ich bin doch der König", unterbrach der König sie kleinlaut.
   Da lachten sie nur noch lauter und riefen:
   "Du lügst, Narr! Wir werden dich zum König bringen und Strafe fordern!"
   So brachten sie ihn fort, zum Palast, wo ein Narr an jenem Tag regierte.

   Und der wunderte sich sehr, als sie den König brachten. Aber er ließ sie vor, so daß sie ihre Beschwerde persönlich vorbringen konnten.
   "Was also hat dieser euch getan?" fragte er und zeigte auf den König in den Narrenkleidern, der nicht wagte, Fárinan anzusehen.
   "Eure Majestät, der Narr behauptete, er sei der König", antwortete Bauer Orjen, sichtlich nervös, da er nicht im Traume geglaubt hatte, einmal mit dem König persönlich zu sprechen.
   "So", sagte Fárinan und konnte ein Schmunzeln nicht ganz unterdrücken. "Hat Er das, Narr?"
   Der König antwortete nicht, aber Fárinan konnte sich schon vorstellen, was geschehen war; zu gut kannte er selbst den Bauern Orjen und seine Freunde.
   "Es ist gut, Bauer Orjen", sagte er deshalb. "Ein Narrenkönig ist er. Ich werde ihn bestrafen."
   Und als die Bauern den Saal verlassen hatten, wandte er sich an den König und sprach:
   "Nun, geh Er auf sein Zimmer und denke Er über das nach, was Er gestern abend sagte! Zur Konferenz werde ich Ihn rufen lassen, doch soll Er nicht glauben, daß Ihm bis dahin ein Essen serviert wird!"
   Denn er ahnte schon, daß der König hungrig war; und zu oft hatte der König selbst ihn auf sein Zimmer geschickt und hungern lassen. Ein wenig tat ihm der König schon leid, doch er wollte nicht nachgeben; nein, er schickte ihm sogar zwei Wachsoldaten nach, daß sie darauf achteten, daß er sein Zimmer nicht verließ.

   Am Nachmittag dann kam die Stunde, zu der die Minister vorgelassen wurden und ihre Anliegen vorbringen konnten. Da sie ja von dem Rollentausch wußten, machten sie sich einen rechten Spaß daraus und stellten dem Narren Fragen, die sie ihrem König niemals stellen würden. Dennoch war Fárinan bemüht, auf alles eine angemessene und freundliche Antwort zu geben, auch dann noch, wenn der König seine Minister längst vor die Tür gesetzt hätte.

   Der König verbrachte seine Zeit derweil allein im Zimmer des Narren und wußte nun, daß es nicht so leicht war, ein Narr zu sein, zumindest nicht für einen König.

   So kam die Zeit der allabendlichen Konferenz. Der König an der Seite des Narren staunte nicht schlecht, als fünf Bürger vorgelassen wurden, unter ihnen Orjen, den die Bauern zu ihrem Sprecher gewählt hatten.
   "Nun", begann Fárinan, "so sagt mir, was Ihr wünscht, und was Euch beunruhigt."
   "Was ist mit den Schiffen?" fragte der Kaufmann Soenas. "Es kommen Fremde von Westen, was wird geschehen?"
   "Wir werden mit ihnen verhandeln", versprach Fárinan. "Sicher wollen sie nichts anderes. Noch gibt es nichts, wovor Ihr Angst haben müßtet. Es gibt keinen Grund anzunehmen, es würde einen Krieg geben; eher denken wir, sie sind Flüchtlinge einer fremden Welt."
   "Wir zahlen zu viele Steuern", sagte der Bauer Orjen. "Der Winter war hart, und die Kornspeicher sind leer. Uns bleibt kaum mehr Geld, unsere Familien zu ernähren."
   "Dann sollen Euch die Steuern erlassen werden bis zur nächsten Ernte", erklärte Fárinan.
   Er bemühte sich, den König zu ignorieren, wie auch dieser es manchmal mit ihm getan hatte, wenn er von der Richtigkeit seiner Entscheidungen überzeugt war.
   Doch war es nun mehr als das, denn was Fárinan jetzt versprach, würde der König halten müssen.
   So ging es weiter: was immer die Bürger forderten, versprach der Narr, und die Einwände des Königs hörte er nicht. Jedoch der König mußte sich eingestehen, daß all diese Forderungen berechtigt waren, daß er zum Teil einfach nichts davon gewußt, zum anderen sich nicht die Mühe gemacht hatte, etwas daran zu ändern. Jetzt aber würde er all die Versprechen halten müssen, die der Narr in seinem Namen gab, und er konnte ihm nicht einmal böse sein deshalb.

   Nach der Konferenz waren der König und der Narr allein im großen Saal, wie am Abend zuvor. Die graue Stunde war angebrochen und die Zeit der vertauschten Rollen nun vorbei. Also gab Fárinan die Krone zurück.
   "Hat Euch der Tag gefallen, Narrenkönig?" fragte er mit der Dreistigkeit eines Narren.
   "Hat Er keine Angst vor Strafe, nach allem, was Er getan hat?" fragte der König zurück.
   Fárinan aber kletterte auf den Tisch, blickte auf den König herab und lachte.
   "Ihr müßt hungrig sein, mein König", sagte er, fast klang es spöttisch.
   "Es ist gut, Fárinan", gab der König zurück. "Ich habe begriffen, daß es keinesfalls leicht ist, ein Narr zu sein."
   "Nein", erwiderte der Narr. "Vielmehr ist es so, daß einem stets das Schicksal anderer leichter erscheint als das eigene."
   Und der König wußte, daß der Narr recht hatte.

   Viel bleibt nicht zu sagen. Der König hielt selbstverständlich, was der Narr in seinem Namen versprochen hatte, und das Volk war glücklich und zufrieden. Fárinan ging ohne Strafe aus, im Gegenteil: er erhielt einen eigenen Schlüssel zur königlichen Speisekammer, so daß er nie mehr zu hungern brauchte. Doch zog er es meist vor, sich wie zuvor sein Brot auf dem Marktplatz zu verdienen.
   Ja, so sind sie, die Narren; bescheiden und glücklich in ihrer Einfachheit, und wann immer sie die Gelegenheit erhalten, halten sie anderen den Spiegel vor und zeigen ihnen ihre Fehler.




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