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Aus dem Narrenzyklus:

Der Tanz des Narren

oder: Die Fesseln der Finsternis

Der Narr ist ein Traumtänzer unter Sternen, Mond und Sonne. Er trägt Kugeln, die sind eine hell wie der Tag und drei schwarz wie die Nacht, und Schellen, die sind kupferne Sterne und singen die Lieder der Welt. Ein Narr aber weiß Lieder zu singen, die sind mehr als das, und sein Tanz zeigt den Menschen all ihre Träume; und wer den Narrentanz einmal gehört hat, wird ihn nie vergessen.

   Lúry war es, der ihn als erster hörte. Lúry, der es wagte zu schweigen. Es ist wohl eine lange Geschichte, die aber kurz erzählt werden kann, so wie ein Narr manche lange Geschichte in wenigen Worten zu erzählen weiß.

   Es war zu einer Zeit, die sehr lange vorbei ist, lange noch, bevor das Erdbeben die Zweite Stadt zerstörte. Zu einer Zeit, da die Menschen Seite an Seite mit den Drachen kämpften, für den Frieden, für das Licht, und gegen die Dunkelheit. Denn die Dämonen, Geschöpfe der zweiten Nacht und Wächter der Götter, wollten den Tag; wollten auch Wächter der Menschen sein und Wächter des Lebens und Wächter der Lande und der Wasser, so Wächter des Lichts. Das aber wollten die Menschen nicht, noch konnten die Drachen es dulden. So war es, daß unter der Führung Kyamesraals gekämpft wurde für die Gleichheit, den Frieden zwischen allen sechs Dimensionen, denn wenn auch die Götter Götter waren und die Steine Steine, so sollte doch niemand Herr über einen anderen sein.
   Es geschah, daß Lúry, der Narr des Königs, zwischen die Dämonen geriet, da seine Schellen Mond und Sterne waren, und die waren Geschöpfe der zweiten Nacht, gleich den Dämonen: so konnte es denen gelingen, den Narren zu fangen. Das war zu einer Zeit, da sie den Kampf fast verloren hatten; nur mit dem Narren zwischen ihnen konnten sie die Klinge noch abwenden. Denn er war der Schlüssel zum dritten Tag und zur dritten Nacht, zu denen, die dort kämpften, die Herrschaft der Dämonen zu brechen.
   Also stellte Moto Lúry ein Rätsel.

   "Wann sieht die Welt die Sonne nicht, träumen die Menschen?
    Wenn Lieder Träume sind, wann singen die Drachen?"

   Nun war es an Lúry zu antworten. Um ihn herum standen die neun Dämonen und warteten, und der Narr wußte die Antwort wohl, es war Nacht, wenn die Menschen träumten, und der Tag die Zeit der Drachenlieder; so lautete die Antwort 'Nacht', und sie lautete 'Tag'. Doch Miki trat vor und hielt eine schwarze Kugel und sprach:
   "Sieh her, sie ist schwarz, so schwarz wie die Nacht. Lautet aber die Antwort 'Nacht', so werden wir wissen, die Menschen zu töten."
   Und Myne trat vor und hielt eine schwarze Kugel und sprach:
   "Sieh her, sie ist schwarz, so schwarz wie die Drachen. Lautet aber die Antwort 'Tag', so werden wir wissen, die Drachen zu töten."
   So konnte Lúry weder die eine noch die andere Antwort geben, und da er nicht lügen durfte, blieb er stumm.
   Aber Mora trat vor und hielt eine schwarze Kugel und sprach:
   "Sieh her, sie ist schwarz, so schwarz wie die Schatten, die Dunkelheit selbst. Wage es nicht zu schweigen, Lúry, oder du wirst die Fesseln der Finsternis niemals wieder brechen."
   Lúry aber sah sie an und schwieg. Er sprach nicht, auch nicht, als sie ihre Warnungen wiederholten. Er sprach nicht, als sie ihren Kreis enger zogen, und nicht, als sie begannen zu singen. Ihre Gesänge aber waren keine Lieder, nichts als Schreie: sie zerbrachen die Stille in Lúry und ließen doch Stille zurück.

   Sie ließen den Narren gehen, da sie nicht die Macht besaßen, ihn zu halten. Die drei schwarzen Kugeln gaben sie ihm mit, daß er nicht vergessen möge, warum er nun schweigen mußte.
   Es war die blaue Stunde, in der die Menschen und die Drachen sich trafen. Zwischen sie trat Lúry und konnte doch nicht sagen, was geschehen war.
   Malescaron war es, der den Narren sah, und er hielt ihn und sagte:
   "Drei schwarze Kugeln, Lúry. Ihr wart bei den Geschöpfen der zweiten Nacht."
   Lúry hörte ihn nicht, er hörte nichts als die Schreie in sich. Er öffnete den Mund, um selbst zu schreien, aber er blieb doch stumm. Sogar die Schellen klangen nicht mehr.
   So brach der Narr zwischen ihnen zusammen und blieb dort am Boden liegen. Sie wollten ihm helfen, sie hoben ihn auf und brachten ihn fort und blieben bei ihm, selbst die Drachen blieben, obschon es Tag wurde. Lúry aber versuchte zu sprechen und brachte doch kein Wort hervor.
   Sie wachten bei ihm den ganzen Tag, Menschen und Drachen vereint, aber es blieb, wie es war, Lúry blieb gefangen in diesem Käfig aus dämonischen Schreien und blieb selbst doch stumm.

   Es wurde Nacht, und Lúry schwieg, so sehr er auch sprechen wollte. Sie sahen den Wahnsinn in seinen Augen und wußten kaum mehr, wie sie ihm helfen konnten. Da aber die Drachen den Tag über gewacht hatten, begannen sie nun zu singen, und mit diesen fremden Klängen kehrte die Stille zurück, für einen Moment.
   "Tanze, Lúry", sagte jemand, es war einer der Drachen, dessen Name war in der Sprache der Menschen Jascáry. Und weil Jascáry die Flöte zu spielen wußte, so spielte er und trieb die Schatten fort.
   Lúry aber stand auf und tanzte. Er hielt die Kugeln in seinen Händen, drei schwarze, Nacht und Drachen und Schweigen, und warf sie in die Luft und fing sie wieder, wobei er tanzte und tanzte und tanzte. Und weil es Nacht war und die Drachen für ihn sangen, war das Schweigen nicht länger schlimm, und die Dunkelheit zerbrach. Er holte die vierte Kugel hervor, die weiße Kugel der Sonne, des Lebens, und die drei schwarzen fielen zu Boden und zersplitterten.
   Aber nein, der Tanz war irgendwann vorbei, und die drei schwarzen Kugeln lagen auf dem Boden und waren heil und ganz wie zuvor. Lúry konnte nicht sprechen, und in ihm waren und blieben die Schreie der Dämonen; nur wenn er tanzte, kehrte die Stille zurück. Jascáry lehrte die Menschen das Spiel der Flöte, daß Lúry Tag und Nacht tanzen konnte, des Nachts zu den Liedern der Drachen, die sie am Tage träumten, des Tags zum Spiel der Flöte, die von den Träumen der Menschen sang. Ein jedes Mal zerbrach die Finsternis mit den schwarzen Kugeln, aber es war nichts als ein Traum und vorbei, sobald der Tanz endete.
   Doch Lúrys Schweigen gewann den Kampf, die Dämonen verloren die Herrschaft, und die Welt war frei. Lúry hörte nichts als den Klang der Flöte, und sprach nichts als die Worte des Tanzes; da aber das Lied stets von vorne begann, kaum daß es geendet hatte, war er doch frei nach Ansicht der Narren. Frei genug, um Narr zu sein, wenngleich nicht frei von den Fesseln der Finsternis.

   So kam es, daß die Narren lernten zu tanzen und die Flöte zu spielen, oder die Lieder zu singen. Sie versuchen nur, die Fesseln der Finsternis abzuschütteln, die ein jeder von ihnen in sich trägt, und wenn sie tanzen, sieht man stets Lúrys Wahnsinn in ihren Augen. Wer aber ihre Lieder hört, wird sie nicht vergessen, denn sie sind Träume, und einen Traum kann man niemals wirklich vergessen. Etwas davon bleibt stets in uns, so wie in jedem von uns der Wunsch nach Stille schläft.

   So sind die Narren, Traumtänzer unter Sternen, Mond und Sonne. Vier Kugeln tragen sie bei sich, drei davon schwarz wie die Nacht, die Drachen und die Fesseln der Finsternis, die nie zerbrechen werden; eine aber hell wie die Sonne, sie birgt das Licht und bringt es zurück, so lange nur irgendwo der Tanz erklingt. Der aber wird niemals enden, denn so lange wir uns erinnern, klingt er in uns weiter; niemand aber, der ihn je gehört hat, kann ihn vergessen.




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