Wenn man den Beruf des Narren ein Handwerk nennt, so war Lúry sicher ein Meister darin. Und wie ein rechter Meister fand er sich eines Tages einen Lehrling, das war Lyeljan. Der aber war ein rechter Schelm.
Lyeljan nämlich konnte das Lügen nicht lassen. Er machte sich einen Spaß daraus, den Bauern zu berichten, er habe den Rascón im Hühnerstall gesehen, und den Wachen des Königs erzählte er, des Nachts schlichen fremde Gestalten um den Palast. Und wenn die Bauern oder die Wachsoldaten hastig nach draußen liefen, um nachzusehen, stand Lyeljan da und lachte.
"Wart', dir werd' ich helfen!" riefen sie dann meistens und schwangen drohend ihre Fäuste nach ihm.
Bald kam der Tag, da glaubten sie ihm nicht mehr. Was immer er versuchte, niemand fiel mehr darauf herein, ja sie hörten ihn einfach nicht und gingen ungestört weiter ihrer Arbeit nach.
So konnte es geschehen, daß Mylo ihn überraschte.
"Wo willst du hin, kleiner Narr?" fragte der Dämon und trat ihm in den Weg.
Lyeljan erkannte ihn wohl, ein Geschöpf der zweiten Nacht, und laut rief er, daß jemand ihm zum Beistand käme, denn er wollte nicht allein sein mit einem Dämonen.
"Zwecklos, kleiner Narr", sprach Mylo lachend und hob eine Hand. "Sie hören dich nicht. Sie wollen dich nicht hören, also können sie dich nicht hören!"
"Was willst du von mir?" fragte Lyeljan, dessen schelmische Neugier die Angst bald besiegt hatte.
"Weißt du das denn nicht? Ich will dir die Nacht zeigen!"
"Die Nacht?" lachte Lyeljan. "Aber sieh nur, da geht doch schon die Sonne auf!" Und er zeigte auf eine dunkle Stelle am Horizont.
Und der Dämon glaubte ihm und wandte sich nach der Sonne um, aber natürlich war da nichts als Finsternis.
"So!" sprach er aufgebracht zu Lyeljan, "also wagst du es, ein Geschöpf der zweiten Nacht zu belügen? Verflucht sein sollst du von nun an, höre gut, was ich dir zu sagen habe:
Die Nacht sollst du sehen und nichts als die Nacht;
Das Licht sollst du suchen und finden doch nicht;
So hast du dich selbst um die Wahrheit gebracht;
Sei die Lüge dein Leben, und die Nacht sei dein Licht.
So sei es von nun an, als Narr seist du blind,
Verflucht bis zu dem Tag, da Narren Wahrsprecher sind."
Lyeljan verstand es nicht, doch als Mylo verschwunden war, sah er – nichts.
So fand Lúry ihn am nächsten Morgen, den Jungen, er lag am Boden und schien zu schlafen. Er hob ihn auf und trug ihn in Kyamesraals Palast, wo er ihn in seinem Zimmer niederlegte und wartete, daß er erwachte.
"Was ist geschehen, Lyeljan", fragte er ihn und ahnte es da längst, "du siehst mir aus, als habest du einen Dämonen gesehen."
"Nein", sagte Lyeljan und hatte es doch bejahen wollen, aber die Wahrheit kam nicht länger über seine Lippen.
Doch Lúry verstand ihn schon.
"Sicher hast du auch ihn belogen", vermutete er und kannte ohnehin die Antwort.
"Nein", erwiderte Lyeljan, obschon er nun nichts lieber gewollt hätte als wahr zu sprechen.
"Ist es denn Tag oder Nacht nun?" fragte Lúry weiter, denn er kannte die Geschöpfe der zweiten Nacht und wußte, was zu tun sie imstande waren.
"Nacht", antwortete Lyeljan.
"Und, Lyeljan", wollte Lúry noch wissen, "siehst du denn das Licht?"
"Ja", log Lyeljan; da wußte Kyamesraals Narr, daß die Dämonen ihm das Licht genommen hatten.
Also machte sich Lúry auf den Weg in die Nacht, denn er wollte die Dämonen selber sprechen. Er mußte nicht lange suchen, bevor er sie finden konnte, fanden sie ihn.
"Nacht ist Licht und Licht ist Nacht", spotteten sie, "bis der Narr die Wahrheit sagt!"
"Hört mich an", bat Lúry sie, "ich bitte Euch –"
"Licht ist Nacht und Nacht ist Licht", fuhren sie fort, "bis der Narr die Wahrheit spricht!"
"Nein, hört mir zu", versuchte Lúry es erneut, und endlich waren sie still. "Seht mich an", sprach er alsdann, "seht mich, und sagt mir nur, was Ihr seht."
"Einen Narren", lachten sie, "wir sehen einen Narren."
"Einen Narren, der seine Lektion längst lernte", sagte Lúry, "habe ich doch selbst einmal unseren König verspottet. Und einen Narren, den man unter Handwerkern wohl einen Meister nennen würde. Lyeljan aber ist kein Narr, er ist nichts als mein Lehrling."
"Lüge!" riefen die Dämonen, "er ist ein kleiner Narr, haben wir doch selbst gesehen!"
"Dann seid Ihr blind", widersprach Lúry, "denn ein Narr ist nicht eher ein Narr, als bis sein Lehrmeister es sagt. Der aber bin ich; und als Kyamesraals Narr der einzige Narr am Hofe. Und ich spreche die Wahrheit."
"Schwöre es", riefen die Dämonen, sicher, daß der Narr nicht wagen würde, die Macht der Lüge zu vergeben.
Lúry aber sah sie mit festem Blick an und schwor, als erster Narr band er sich an die Wahrheit.
"Die Wahrheit will ich sprechen von nun an", sagte er, "die Macht der Lüge niemals mehr nutzen. Im Licht will ich sprechen von nun an, den Schutz der Dunkelheit niemals mehr suchen. Die Nacht will ich zu erhellen suchen, die Schatten finden, doch der Wahrheit und dem Lichte dienen und sie in Ehren halten."
Also trat Mylo vor und sprach:
"So hast du als einziger Narr dich nun an die Wahrheit gebunden, Lúry. Kyamesraals Narr hat die Kraft der Lüge verschenkt! So will ich nun, wie es versprochen war, Lyeljan die Blindheit nehmen; mehr noch, von all euch Narren will ich die Blindheit nehmen, sie sollen Wahrheit und Lüge sehen, Licht und Nacht wohl zu unterscheiden wissen! Aber eines erkenne, Narr, in Wahrheit und Lüge sind wir nun Feinde; denn du bandest dich auf immer an das Licht, unser aber ist die Nacht."
Also erkannte der Narr, und er kehrte zurück in den Tag, um Lyeljan zu suchen.
"Willst du nun ein Narr sein, Lyeljan", fragte er ihn, "auch wenn es bedeutet, der Lüge zu entsagen und sich der Wahrheit zu verpflichten?"
Und Lyeljan bejahte das, denn längst hatte er sich selbst geschworen, niemals mehr zu lügen.
Da ließ Kyamesraals Narr ihn den ersten Schwur der Narren schwören, und da Lyeljan nun gleichfalls ein Narr war, riß Lúry eine seiner Schellen herab und gab sie ihm als Zeichen der Weisheit.
"Vergiß nie, was du geschworen hast", mahnte er ihn, "denn so du Narr bist, mußt du Narr bleiben; allein wenn du den Schwur brichst, wirst du zurückkehren in die Blindheit, und Licht wird ewig Nacht sein für dich. Das aber wisse, wenn auch du die Macht der Lüge vergeben hast, daß die Macht der Wahrheit sehr viel größer ist; und allein größer noch als die Macht der Worte ist das Schweigen selbst."
So haben viele Narren seitdem das Licht gesehen, und alle schworen der Lüge ab; so es aber nicht immer rechte Wahrheiten gibt, bleibt ihnen die Macht zu schweigen. Und von daher kommt, daß man noch heute oftmals sagt: »Schweigen bricht die Macht der Worte«, wenn man erkennt, daß wohl die Wahrheit falsch sein könnte.