Von Lúry erzählt man sich, daß er einmal in arge Bedrängnis kam, nämlich als er einmal vor dem Volke prahlte, er sei weitaus klüger als der König und würde in Wahrheit das Land regieren, während der König nichts anderes tat, als den Ratschlägen des Narren zu folgen. Zu jener Zeit, so muß man wissen, war dem Narren das Lügen noch erlaubt. Außerdem trug er noch keine Schellen außer der einen als Zeichen der Weisheit, so wie Kyamesraal das Schwert trug und Malescaron den Stein.
Der König aber hatte Lúrys Prahlerei wohl gehört, denn ein guter König mischt sich bisweilen unerkannt unter sein Volk, um zu erfahren, wie es im Lande steht. Lúry hatte ihn nicht erkannt; erst als sich einer aus der Menge löste und auf ihn zu trat, erkannte er Kyamesraal, seinen König.
Der König, der für das Volk in jenem Moment nichts weiter war als ein Fremder in einem dunklen Mantel, faßte Lúry am Arm und zog ihn von der Menge fort in eine dunkle Gasse.
"Würde Er nun wiederholen, was Er vor der Menge zu behaupten wagte", verlangte der König.
Lúry aber schwieg. Nicht einmal den König anzusehen wagte er.
"Nun", sagte der König, "so wird Er bald Gelegenheit erhalten, seine Klugheit unter Beweis zu stellen."
Und was der König sprach, geschah.
Am nächsten Morgen ließ der König den Narren zu sich kommen und teilte ihm mit, was geschehen sollte.
"Er wird den heutigen Tag frei bekommen", erklärte der König. "Am Abend wird Ihm eine Aufgabe gestellt werden, wo Er zeigen kann, was seine Klugheit ihm nützt. Dazu darf Er mitnehmen, was Er für brauchbar erachtet: nur muß Er sich entscheiden, bevor Er die Aufgabe kennt. So soll Er den Tag nutzen, es wohl zu bedenken, denn Er darf nichts mitnehmen als das, womit Er heute zur letzten Stunde hier erscheint."
Aber Lúry mußte nicht überlegen, er war ein Narr, und wie ein Narr wollte er handeln.
Am Abend also, zur Stunde nach Sonnenuntergang, erschien der Narr vor dem König und hatte nichts dabei als seine Narrenkleidung, doch hatte er den ganzen Tag darauf verwandt, sie über und über mit kupfernen Schellen zu besetzen. Neunundneunzig Stück zierten nun seine Kleidung, dazu trug er die eine, die große, an einem Lederband um den Hals. Schellen als Symbol der Weisheit, war es das, was der Narr unter Klugheit verstand?
So trat der Narr vor seinen König, und der König konnte nicht anders als ihn zu belächeln.
"Hat Er sich wohl überlegt, was Er mitnehmen möchte? Würde Er mir seine Entscheidung erläutern?"
"Ich bin ein Narr, oder nicht?" erwiderte Lúry, und die neunundneunzig kleinen Schellen klingelten leise. "So wählte ich als Narr das Symbol der Weisheit, über und über; ich sollte Klugheit beweisen, oder nicht?"
"Klugheit ist nicht dasselbe wie Weisheit", stellte der König fest. "Ein Narr, der das nicht wüßte."
"Und ich bin ein Narr", sagte Lúry.
"Würde ich Ihn schicken, einen Vogel zu fangen, die Schellen würden Ihn verraten", bemerkte der König. "Ein Narr, der die Stille verschenkte."
"Und ich bin ein Narr", sagte Lúry.
"Würde ich Ihn schicken, eine weite Strecke zu reisen, das Gewicht der Schellen würde Ihn alle Kraft kosten", erklärte der König. "Ein Narr, der diese Last tragen wollte."
"Und ich bin ein Narr", sagte Lúry.
"Also gut, Narr", sprach der König, "so höre Er nun seine Aufgabe: Nicht weit von hier wurde aus mächtigem Felsgestein ein gewaltiges Labyrinth erbaut, in dessen Zentrum es eine steinerne Pyramide zu finden gibt, die etwa mannshoch ist: in dieser Pyramide ist eine Öffnung, und darinnen liegt nun eine Kugel aus weißem Glas; die bringe Er uns, wenn Er kann! Wir wollen sehen, ob seine Klugheit Ihm weiterhilft, und all die Schellen. So Er die Kugel bringt, mag Er sie behalten; so Er aber scheitert – und Er wisse, die Frist ist morgen früh – wird sein Leben nicht mehr wert sein als diese Feder."
Er hob eine der goldverzierten Schreibfedern vom Tisch auf und zerbrach sie. Mehr mußte er dazu nicht sagen, denn Lúry hatte den König beleidigt in einer Weise, die selbst einem Narren nicht gut ansteht, und so war es des Königs Recht, ihn mit dem Tode zu bestrafen.
"Andere haben sich zuvor daran versucht, Lúry, die es wagten, wider den König zu sprechen. Starke Krieger waren unter ihnen, mächtige Männer. Nicht einer kehrte zurück."
Lúry wurde also in das Labyrinth gebracht, das Gitter, das den Eingang versperrte, hinter ihm geschlossen: erst am nächsten Morgen sollte es wieder geöffnet werden. Da stand er nun im Dunkeln, der Narr; vor ihm das Labyrinth, irgendwo dort sein Ziel, eine kleine Kugel aus weißem Glas. Und mit ihm nichts als die Nacht, ein Mond, so kupfern wie die Schellen, und wie diese Sterne, unzählige.
Aber Lúry wußte sehr wohl, daß sie ihm nutzen würden. Die große, die Schelle der Weisheit, von der er sich sonst niemals trennte, die hängte er an das Gitter, das den Ausgang zeigte: dort hing sie dann und schaukelte und klingelte sacht im leisen Nachtwind. Dann machte er sich auf den Weg, und von der ersten Abzweigung an markierte er seinen Weg mit den Schellen, die er von seiner Kleidung riß; führte ihn der Weg nun auf einen toten Gang, so kehrte er um und sammelte die Schellen wieder ein, bis er einen Gang fand, den er noch nicht gegangen war. Irgendwann führten sie ihn in die Mitte des Labyrinths.
Dort stand sie, eine mannshohe Pyramide aus hellem Stein, der beinahe weiß war gegen den dunklen Fels der Mauern. In ihr verborgen lag die weiße Kugel, sie war kalt wie Eis, doch sie erwärmte sich schnell, als Lúry sie in die Hand nahm. Die weiße Kugel, sein Leben; er war verloren, wenn er sie nicht brachte. Doch er würde sie bringen, denn die Schellen wiesen ihm den Weg zurück. Und als die Sonne aufging, konnte er sie hören, die eine, die große, die den Ausgang zeigte. So war er zurück, als das Gitter geöffnet wurde, und in der Hand hielt er die Kugel aus weißem Glas, die im Licht der neuen Sonne strahlte, als sei sie die Sonne selbst.
So sprach der König zu Lúry:
"Wir sehen, Er hat die Prüfung bestanden; mag Er also die Kugel behalten. So darf ein Narr wohl wider seinen König reden, aber eines wisse Er, Lúry. Er wird all diese Schellen wieder annähen und sie immer tragen, selten soll Er sich von manchen, niemals von allen trennen: denn jeder soll einen Narren erkennen, wenn er einen sieht, und wohl gewarnt sein, nicht auf ihn zu hören."
Lúry wußte, daß es eine milde Strafe war, und er machte sich gleich daran, die Schellen wieder dort aufzunähen, wo er sie zuvor herabgerissen hatte. Die weiße Kugel trug er gleichfalls von da an stets bei sich, und manchmal holte er sie hervor und erzählte ihre Geschichte. Sie war ein Leben, eine Sonne; und wie dazu die kupfernen Schellen Sterne und Mond vereinen, so tanzt der Narr durch Tage und Nächte und singt weise Worte, die niemand hören will.
So kommt es, daß ein Narr Schellen trägt, Weisheit über und über; und doch wird niemand einem Narren glauben, gleich welch kluge Worte er sprechen mag. Denn nur weise Männer sind weise Männer, und Narren sind eben Narren. So war es seither; so ist es bis heute geblieben.