Länder
Bündnisse
Kontinente
Sprachen
Kultur
     Literatur
Brauchtum

Wissenschaft
Enzyklopädie


mail


Literatur

Aus dem Narrenzyklus:

Wie der König lernte, auf seinen Narren zu hören

Von Kyamesraal, dem ersten König Ancallons, ist bekannt, daß er oftmals kühn voranging, selbst wenn es besser gewesen wäre, zurückzubleiben. Zu diesem Zwecke nämlich, ihn zurückzuhalten, hatte der Herr des Lichts ihm einen Narren an die Seite gestellt, das war Lúry: der trug die Schelle der Weisheit, wie Kyamesraal das Schwert der Kraft führte. Doch allzu oft wollte der König nicht auf die Weisheit hören, und hätte nicht eines Tages Saighneás selbst seine Hand im Spiel gehabt, Kyamesraal wäre sicher blind in sein Verderben gerannt.
   Denn es waren die Drachen, die Kyamesraal fürchtete ob ihrer schwarzen Gestalt und ihrer Macht zu fliegen. Und Drachen wollte er mit seinem Schwerte schlagen.
   "Haltet ein", sprach Lúry, als der König sich bereit machte, zu den Drachen zu gehen. "Sie sind doch nicht Feinde, die wir fürchten müssen. Wohl sind sie Geschöpfe der Nacht, aber sie sind dem Lichte nicht abgekehrt."
   "Wohl denn, so sind sie doch Drachen", entgegnete Kyamesraal in seinem Übermut, "und es ist kein Raum hier für Drachen und Menschen. Gleichfalls höre ich sie lachen in ihrer Sicherheit, daß sie uns so leicht besiegen könnten."
   "Das könnten sie wohl, mein König, so haltet ein, sind die Drachen doch viel stärker als Ihr! Schwingt Ihr Euch über sie auf, so werdet Ihr doch nur tiefer enden!"
   Doch Kyamesraal hörte nicht auf seinen Narren und machte sich auf den Weg in die Nacht, wo er die Drachen zu finden glaubte. Und da fand er sie, die Avvardrák, wohl die mächtigsten Geschöpfe unter dem Lichte, denn sie waren Wesen der dritten Nacht.
   Groß waren sie, mächtig wie die Nacht selbst, und Kyamesraal mit seinem Schwerte zwischen ihnen weniger als das Licht eines einzelnen Sterns am gewaltigen Himmel der Finsternis. Jedoch wagte der König, sie anzugreifen.
   Leuchtend im Lichte waren die brennenden Flammen, die sie ihm schickten; gewaltig allein ihr heißer Strahl, der seine Klinge brannte und ihm die Kraft nahm. Da lag er nun, hilflos als ein verloschener Stern; zwischen die Drachen aber trat Saighneás selbst und sah auf ihn herab.
   "Nun höre, Kyamesraal, der du dich mächtig dünktest und doch so erbärmlich bist unter den Drachen!" sprach der Herr des Lichtes. "Du maßest dich an, über Drachen zu richten: ach glaubst du denn, nur weil du als König eine Krone trägst, seist du gleich die Krone aller Schöpfung? Magst du auch des Tags dich als Herr über Land und Pflanzen und Tiere fühlen, gleichwie die Katze den Mäusen ein mächtiger Herrscher sein muß; über dir sind die Drachen, unter denen bist du doch nicht mehr wie eine Katze unter Löwen. Nein! auf deinen Narren solltest du hören, denn er trägt die Schelle der Weisheit und weiß wohl, daß auf Licht stets Dunkelheit folgt; nun steh auf aus dem Staube und nimm dein Schwert und sei dort König, wo du zu richten genannt wurdest!"
   So kehrte Kyamesraal zurück in das Licht, und von nun an folgte er der Weisheit seines Narren. Seinen Hochmut aber hatte er an die Nacht verloren, denn er hatte wohl gelernt, daß selbst der strahlendste Stern bei Tag verblaßt gegen das allmächtige Licht der Sonne.




----- zurück zu / back to: ----- [ Narrenzyklus - Index | Literatur | Kultur ] -----









© 1985-2002 Aran Kuntze



Back to top ....